München (dpa) - Das Haus der Kunst erinnert im kommenden Jahr an die Eröffnung durch Adolf Hitler vor 75 Jahren.

Aus diesem Anlass will der neue Leiter des Hauses, Okwui Enwezor, das historische Archiv öffentlich zugänglich machen - und dabei auch Exponate zeigen, die bei den Großen Deutschen Kunstausstellungen der Nationalsozialisten zum Kauf angeboten wurden.

Herr Enwezor, das erste Projekt, mit dem Sie dem Haus der Kunst Ihren Stempel aufdrücken wollen, ist die Öffnung des historischen Archivs. Warum?

Okwui Enwezor: «Das Archiv des Hauses der Kunst erzählt eine ganz spezielle Geschichte. Bislang hat sich die Erforschung in erster Linie auf die Großen Deutschen Kunstausstellungen konzentriert. Uns interessiert aber auch ein umfassender und internationaler Blickwinkel und die Rolle des Gebäudes als Kultureinrichtung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte des Hauses der Kunst hört ja 1945 nicht auf. Es ist wichtig, das zu betonen. In der Nachkriegszeit hatte die US-Armee ihr Hauptquartier in dem Gebäude. Es gibt eine große Zahl historischer Verwicklungen, die wir reflektieren wollen. Es geht auch um Verbindungen zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und den USA. Dieses Gebäude ist immer wieder mit Transformation und Verwandlung konfrontiert worden. Wir wollen all das in einer Ausstellung zeigen - aber ohne einen weiteren Mythos des Gebäudes zu kreieren.»

Warum hat das Archiv diese Geschichte denn bisher nicht erzählt?

Okwui Enwezor: «Ich denke schon, dass die Geschichten erzählt worden sind - auf viele unterschiedliche Weisen. Wir befinden uns aber immer noch in einem Prozess des Enträtselns und der Reflexion. Die Institution ist zahlreichen Reflexionen bereits unterzogen worden, aber dieses Jubiläum ist einfach der Zeitpunkt, über all das zu sprechen. Es ist das erste Mal, dass das Archiv selbst öffentlich ausgestellt wird. Und es gilt, Überraschungen aufzudecken - auch durch internationale Verbindungen.»

Sie planen, auch Exponate der jährlichen Großen Deutschen Kunstausstellung der Nationalsozialisten von 1937 bis 1944 zu zeigen. Kann das ein problematisches, neonazistisches Publikum anziehen?

Okwui Enwezor: «Die Ausstellungsstücke sind in diesem Kontext historische Objekte. Und ich möchte sehr bezweifeln, dass diese Skulpturen und Landschaftsaufnahmen ein "falsches" Publikum anziehen. Wir müssen ein für alle Mal zeigen, was man damals sehen konnte. Das dient allein der Entmystifizierung.»

Wo, glauben Sie, ist das Haus der Kunst im Moment einzuordnen? Auch im Vergleich zu großen Museen wie der Tate Modern in London.

Okwui Enwezor: «Mit der Tate Modern kann man das Haus der Kunst natürlich nicht vergleichen. Wir haben ja keine eigene Kunstsammlung - aber wir haben ein Archiv, das reichhaltig und für Historiker sehr wichtig ist. Wir müssen das Archiv nutzen, um die Entwicklung des Hauses zu beschreiben. Wo das Haus der Kunst aber inhaltlich heute steht? Es hat sich von der Betrachtung der historischen Avantgarde entwickelt zur Moderne und ist heute vor allem für seine interdisziplinäre Betrachtung der zeitgenössischen Kunst bekannt. Da soll der Fokus auch unter meiner Leitung bleiben - mit einem internationalen Blickwinkel.»

Interview: Britta Schultejans, dpa