Berlin (dpa) - Pop ist nicht mehr so wichtig, Pop ist per MP3 permanent verfügbar, Pop ist inflationär, so scheint es. Doch Popmusiker können immer noch mal «kurz die Welt retten» oder sie zum Stillstand bringen - wie 2011 Tim Bendzko oder Amy Winehouse bewiesen haben.

Eines vorweg: Es geht hier nicht um Amy Winehouse. Kein Wort über ihr großes Talent und ihre sagenhafte Stimme, kein Wort über ihr tragisches Leben, kein Wort über ihren viel zu frühen Tod im Alter von 27 Jahren. Und auch kein Wort über das hervorragende Album «Lioness: Hidden Treasures», das gerade - ein knappes halbes Jahr nach ihrem Ableben - erschienen ist und noch einmal unterstreicht, welch großartige Künstlerin diese Londonerin war. Nur dies: Mit ihrem Tod und ihrem posthumen Werk hat sie das Musikjahr 2011 geprägt - im eigentlichen und im übertragenen Sinne.

Denn 2011 war auch das Jahr der Frauenstimmen, der sanft hauchenden ebenso wie der kraftvoll-dynamischen. Diese oder jene sei die legitime Erbin von Amy Winehouse, hieß es sehr oft. Dabei ist dieser Vergleich gar nicht nötig. Die französische Chanson-Popkünstlerin Zaz, die kanadische Songwriterin Leslie Feist, das belgische Soul-Talent Selah Sue oder das deutsch-schweizerische Frauen-Duo Boy sind in ihrer musikalischen Klasse und mit ihren tollen Platten des Jahrgangs 2011 selber einzigartig genug, so dass sie gut ohne den Amy-Vergleich auskommen.

Und die Britin Adele, die mit «21» eines der Hit-Alben des Jahres abgeliefert hat, kann mit ihrem zurückhaltenden Auftreten geradezu als Anti-Winehouse gelten (und als Anti-Gaga/Anti-Lady-Gaga sowieso, doch dazu später mehr). Es gibt also keinen Mangel an aufstrebenden, verführerischen, selbstbewussten, interessanten weiblichen Popstimmen.

Bei den Männern sieht das schon etwas anders aus: Ein junger Entertainer vom Schlag eines Robbie Williams, ein Nachwuchs-Rapper mit der Kraft eines Eminem sind nicht auszumachen; von einem neuen Michael Jackson ganz zu schweigen. Aber vielleicht muss man gar nicht so hoch greifen, um einen Retter der Pop-Welt zu finden.

In Deutschland zumindest hat sich der bis dato unbekannte Berliner Tim Bendzko ganz nach vorn gesungen: Mit «Nur noch kurz die Welt retten» lieferte der 26-Jährige die ironisch-reflektierte Hymne für die Facebook- und iPhone-Generation. Sein Debütalbum «Wenn Worte meine Sprache wären» bewies schon im Titel - und noch mehr im Inhalt -, dass deutsches Liedermachertum nicht dröge und schwer daherkommen muss, sondern intelligent, witzig und poppig zugleich sein kann.

Ansonsten haben häufig die Alten den Jungen vorgemacht, wie man rockt: Herbert Grönemeyer (55) räumte mit «Schiffsverkehr» in den Hitlisten und an den Konzertkassen ab, Udo Lindenberg (65) brachte mit viel Tamtam und Kritikerlob sein Musical «Hinterm Horizont» in Berlin an den Start und landete mit seinem Album «MTV Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantic» einen Charts-Erfolg, Peter Maffay (62) ging erfolgreich mit seinem Märchendrachen «Tabaluga» auf Tour. Und das dürfte 2012 so weitergehen: Die Altrockerriege inklusive Marius Müller-Westernhagen (63) bereitet sich auf ausgedehnte Tourneen vor.

Etwas anderes dürfte im nächsten Jahr ebenfalls weitergehen: Der Siegeszug von Lady Gaga. Wer dachte, mit dem Erfolg von 2010 mit zwei Grammys und elf MTV Awards (in Europa und den USA) sowie dem phänomenalen Fleischkleid-Auftritt sei die Gaga-Gigantomanie auf ihrem Höhepunkt, der wurde 2011 eines Besseren belehrt. Noch einmal gab es Preise en masse und krasse, coole, spacige, wirre Outfits.

Die Musik selbst - Platz eins für ihr zweites Album «Born This Way» fast rund um den Globus - gerät da fast zur Nebensache. Lady Gaga ist ein Star, weil sie ein Star ist. Die 25-Jährige könnte auf der Bühne vermutlich auch Kinderlieder singen, und es wäre eine Show. Dabei erfindet sie nicht unbedingt bahnbrechend Neues, sondern kombiniert Altbekanntes, fügt einen Schuss «Gagaismus» hinzu und schafft so etwas Atemberaubendes - gewiss auch noch im Jahr 2012.