Berlin (dpa) - In der Fußball-Bundesliga herrscht ein ungewöhnlicher Trend zur Treue. Bis zum letzten Vorrunden-Spieltag musste nur ein Trainer frühzeitig seinen Posten räumen - so wenige Entlassungen in der Hinrunde hatte es zuletzt vor neun Jahren gegeben.

Wider den Trend sorgte nur Hertha BSC mit der Trennungsposse um Markus Babbel kurz vor Weihnachten für Trainerwirbel. Zuvor war nur Michael Oennig beim Hamburger SV gescheitert. In Schalke ging Ralf Rangnick aus gesundheitlichen Gründen freiwillig.

Dass bei der Babbel-Demission sportliche Gründe keine Rolle spielten, ist nach den wilden Trainer-Wechsel-dich-Spielchen der Vorsaison eine passende Fußnote unter den neuen Grundton in der Personalpflege der 18 Erstligisten. Werder Bremen setzt weiter auf seine Doppelspitze Thomas Schaaf und Klaus Allofs, der VfL Wolfsburg hält trotz der enttäuschenden Hinserie an Trainermanager Felix Magath fest, Augsburgs Jos Luhukay darf auch bleiben, «wenn er alle 34 Spiele verliert» und selbst die im Herbst zuletzt oft aktive Stuttgarter Stellenbörse blieb vor Weihnachten 2011 geschlossen.

«VW ist ein Unternehmen, das nachhaltig orientiert ist. Wir wissen, was Magath kann. Daher hat er nach wie vor vollstes Vertrauen - auch meines», sagte Volkswagen-Vorstandchef Martin Winterkorn mit Blick auf die Bundesliga-Tabelle, die den VfL auf Rang 12 führt.

Um Schaaf und Allofs «beneiden uns viele Clubs», sagte Bremens Aufsichtsrats-Chef Willi Lemke, nachdem fünf Tage vor Heiligabend Trainer Schaaf und Geschäftsführer Allofs ihre Verträge verlängert hatten. Nirgends ist der Trend zur Kontinuität so ausgeprägt wie bei den Bremern, bei denen Schaaf seit Mai 1999 die Verantwortung für die Profis trägt und kurz danach Allofs seine Arbeit als Manager begann.

«Das Modell ist vielleicht nicht auf jeden Club übertragbar, aber eine vertrauensvolle Basis der sportlichen Leitung ist bei uns die Voraussetzung, über Jahre erfolgreich und nachhaltig zu arbeiten», sagte Allofs jüngst über «einen Teil des Bremer Erfolges».

Nachhaltigkeit und Kontinuität sind neue Lieblingswörter in den Chefetagen der Bundesliga-Vereine. Ein Club wie Hannover 96 hielt im vergangenen Jahr auch nach sieben Niederlagen in Serie an Trainer Mirko Slomka fest und wurde für seine Treue mit dem Einzug in die Europa League entlohnt. «Kontinuität hat sich in den vergangenen Jahren bei vielen Clubs ausgezahlt», sagte Hannovers Sportdirektor Jörg Schmadtke. «Die Ruhe auf der Trainerposition hat uns gutgetan.»

Beim VfB Stuttgart ist Bruno Labbadia der erste Trainer seit vier Jahren, der nach absolvierter Vorrunde auch in die Rückrunde starten darf - im Gegensatz zu Armin Veh 2008, Markus Babbel 2009 und Christian Gross und Jens Keller 2010. Seine Arbeit bei den Schwaben betrachtet Labbadia als Langzeitprojekt, sein Vertrag läuft bis Saisonende 2013. Immer wieder betont er, dass beim Weg zurück nach oben «viele kleine Schritte» notwendig seien. Sportdirektor Fredi Bobic vertritt die gleiche Philosophie und vertraut Labbadia.

Ein neuer Hort der Nächstenliebe und Sensibilität ist die Bundesliga dadurch lange nicht geworden. Ein weiterer Grund für den Trend zur Treue ist ganz profaner Natur: «Ganz nüchtern betrachtet», sagte Schmadtke, «eine Trainerentlassung kostet Geld.»