Berlin (dpa) - Als Konsequenz aus der beispiellosen Mordserie von Neonazis hat Bundespräsident Christian Wulff zur entschlossenen Verteidigung der Demokratie und zu einer offenen Gesellschaft in Deutschland aufgerufen.

«Wir schulden uns allen Wachsamkeit und die Bereitschaft, für unsere Demokratie und das Leben und die Freiheit aller Menschen in unserem Lande einzustehen», sagte er in seiner Weihnachtsansprache, die am ersten Feiertag im Fernsehen und Rundfunk ausgestrahlt wird.

Wulff betonte, alle in Deutschland lebenden Bürger müssten in Sicherheit leben können. «Das gilt für jede und für jeden», betonte er. Es dürfe keinen Platz geben für Fremdenhass, Gewalt oder politischen Extremismus.

Dem Zwickauer Neonazi-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe werden zehn Morde an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft und an einer Polizistin sowie weitere Gewalttaten wie Banküberfälle zur Last gelegt. Opfer und Angehörige bekommen in der früheren Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John als Ombudsfrau einen festen Ansprechpartner. Das vereinbarten Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU).

Viele Angehörige und Opfer seien auf Unterstützung bei der Bewältigung der Folgen angewiesen, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung. Die Betroffenen benötigten bis heute häufig psychologische Hilfe und spezifische Therapien. Dabei solle die Ombudsfrau mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zugleich bestehe Beratungsbedarf im Umgang mit Behörden.

Das Bundeskriminalamt schließt laut einem Zeitungsbericht entgegen früherer Angaben beim Heilbronner Polizistinnen-Mord 2007 eine Beziehungstat aus. Die Ermittler gingen davon aus, dass die Zwickauer Neonazis die Polizistin erschossen, um an deren Dienstwaffe zu gelangen, berichtete die «Süddeutsche Zeitung» am Freitag in ihrer Online-Ausgabe. Der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, hatte zwischenzeitlich mit der Behauptung für Verwirrung gesorgt, es habe sich bei dem Mord in Heilbronn um eine Beziehungstat gehandelt. Die Aussage wurde später vom BKA korrigiert. Die Polizistin stammte wie die Terroristen aus Thüringen.

Unterdessen bestätigte das Thüringer Landeskriminalamt (LKA), dass Telefonmitschnitte von mutmaßlichen Helfern der Neonazi-Terrorzelle vernichtet wurden. Grund seien die Löschfristen im Anschluss an die Einstellung des Ermittlungsverfahrens 2003, sagte ein Behördensprecher am Freitag. Nach einem Bericht der «Berliner Zeitung» sind aber noch schriftliche Zusammenfassungen der Gespräche vorhanden.

Sächsische Behörden hätten im Jahr 2000 sieben mutmaßliche Helfer des zwei Jahre zuvor untergetauchten Trios Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe abgehört. Vernichtet worden seien aus Sicherheitsgründen auch alte Sprengsätze des Trios aus Jena, gegen das seinerzeit laut LKA wegen Sprengstoffbesitzes ermittelt wurde.

Wullf äußerte sich schockiert darüber, «dass rassistisch verblendete Verbrecher über viele Jahre Menschen ausländischer Herkunft geplant ermordet haben». Die Gespräche mit den Angehörigen der Opfer hätten ihn tief bewegt. Viele hätten ihm erzählt, dass sie nicht nur einen geliebten Menschen verloren hätten, sondern plötzlich sogar selbst verdächtigt worden seien. «Wir schulden nicht nur den Opfern die lückenlose Aufklärung dieser Verbrechen und die unnachsichtige Verfolgung der Täter und ihrer gewissenloser Unterstützer», sagte er.