Berlin (dpa) - Kein Sommermärchen für die deutschen Fußballfrauen bei der Heim-WM, dafür stürmt Jogis «Boygroup» mit zehn Paukenschlägen zur EURO 2012. Auch im vorolympischen Sportjahr feiert Deutschland wieder Weltmeister, freut sich über Medaillen und verneigt sich vor großen Champions.

Der Größte marschiert an der Spitze des Triumphzuges: «German Wunderkind» Dirk Nowitzki. Am Ende seiner 13. NBA-Saison erfüllt sich der 2,13 Meter lange Würzburger mit seinen Dallas Mavericks endlich seinen Lebenstraum - die goldene Meistertrophäe in der stärksten Basketball-Liga der Welt. Zurecht wurde er Deutschlands Sportler des Jahres.

Sebastian Vettel und Stefan Bradl mischen die Motorsport-Szene auf: Schon vier Renntage vor Ultimo rast der Red-Bull-Pilot zum zweiten WM-Titel - mit 24 Jahren und 98 Tagen ist Vettel der jüngste Doppel-Weltmeister der Formel 1. Dank Bradl hat Deutschland endlich wieder einen Motorrad-Weltmeister. Schon vor dem Showdown in der Moto2-Kategorie steht der Bayer als erster deutscher Champion seit 18 Jahren fest. Zum erfolgreichsten deutschen Radprofi avanciert Zeitfahr-Weltmeister und Tour-Etappensieger Tony Martin; Cadel Evans gewinnt als erster Australier die Tour de France.

Die 7,26 Kilo schwere Eisenkugel ist für David Storl Gold wert: Als erster deutscher und zudem jüngster Kugelstoß-Weltmeister landet der 21-Jährige einen von drei goldenen Volltreffern der deutschen Leichtathleten im südkoreanischen Daegu. Ende Februar krönt Golfprofi Martin Kaymer seinen unaufhaltsamen Aufstieg: Als erster Deutscher nach Bernhard Langer stürmt der 26-Jährige an die Spitze der Weltrangliste - wenn auch nur für acht Wochen. Nur zwei Turniersiege reichen nicht, um den Platz an der Sonne zu behaupten.

Bei allem Jubel über Helden und Sieger gibt es auch Tränen, Tragik und bittere Enttäuschungen. So platzt auch der Traum vom olympischen Wintermärchen im Jahr 2018: Nicht Top-Kandidat München, sondern das südkoreanische Pyeongchang bekommt am 6. Juli in Durban/Südafrika den Zuschlag des IOC. Und gleich mit 63:25 Stimmen - ein Kantersieg. Weil der Favorit zuvor zweimal gescheitert war, vermutet IOC-Vize Thomas Bach «einen Mitleidsfaktor».

Mit dem Favoritenfaktor müssen dagegen Deutschlands Fußballer bei der EM-Endrunde 2012 in Polen und der Ukraine rechnen. Traumtore und ein Rekord - die perfekte EM-Qualifikation macht Appetit und Hoffnung: «Zehn Spiele, zehn Siege - was will man mehr. Es ist eine tolle Leistung über 14 Monate nach einer schwierigen WM», sagt Bundestrainer Joachim Löw am 11. Oktober nach dem abschließenden 3:1 gegen Belgien.

Allerdings wartet im Juni 2012 in Charkow und Lwiw die schwerste EM-Vorrundengruppe: Erzrivale Niederlande, Portugal mit Superstar Cristiano Ronaldo und Ex-Europameister Dänemark werden als Gegner zugelost. Kurz nach der Auslosung überrascht DF1B-Präsident Theo Zwanziger mit der Ankündigung seines vorzeitigen Rückzuges zum Oktober 2012, neuer DFB-Chef soll der bisherige Generalsekretär Wolfgang Niersbach werden.

Eine ganze Nation fiebert dem ersehnten Titel entgegen, doch die Party der Fußball-Frauen endet am 9. Juli, bevor sie richtig losgeht. Um 23.14 Uhr ist aus dem schönen Titeltraum eine Illusion geworden. Die Japanerinnen schocken die Gastgeberinnen im Viertelfinale: Karina Maruyamas Tor in der 108. Minute in der Wolfsburger Arena trifft die DFB-Auswahl bis ins Mark. «Ich bin sehr, sehr traurig», sagt Bundestrainerin Silvia Neid nach dem Ende der Rekordserie von 15 WM-Spielen ohne Niederlage.

Tränen fließen, dazu kommt Frust - und Kritik an Neid, deren Vertrag schon vor der Heim-WM verlängert wurde. Vor allem der Umgang mit Spielführerin Birgit Prinz, die nach 214 Länderspielen ihr internationales Karriereende auf der Bank erlebt, sorgt für Missstimmung. Statt der 33-Jährigen einen versöhnlichen Abschied zu bescheren, lässt Neid die dreimalige Weltfußballerin draußen.

Dass der Sieg gegen den Favoriten kein Zufallstreffer ist, beweisen die wieselflinken Japanerinnen auch im Finale: Das Überraschungsteam gewinnt das dramatische Endspiel gegen die USA im Elfmeterschießen mit 3:1 und erobert erstmals den Titel. Den lange überlegenen Amerikanerinnen versagen die Nerven.

Gelb-schwarz dominiert die Fußball-Bundesliga, bereits am 32. von 34 Spieltagen wird gejubelt und gefeiert: Borussia Dortmund ist zum siebten Mal deutscher Fußballmeister, doch der Star der jungen Mannschaft ist der Trainer - Meistermacher Jürgen Klopp. Am Ende einer grandiosen Saison steht der Revierclub erstmals seit 2002/2003 wieder in der Champions League, scheitert dort allerdings in der Vorrunde. Am 30. April aber gibt Klopp alle Komplimente an seine Schützlinge weiter: «Was die Jungs geleistet haben, ist nicht in Worte zu fassen. 32 Mal über sich hinauszuwachsen, ist Wahnsinn.»

Zwei Wochen später folgt Eintracht Frankfurt dem FC St. Pauli als zweiter Absteiger in die 2. Bundesliga, Borussia Mönchengladbach muss in die Relegation und setzt sich später gegen den Zweitliga-Dritten VfL Bochum durch. Bayer Leverkusen sichert sich den zweiten Champions-League-Platz hinter Dortmund. Rekordmeister FC Bayern München muss als Tabellen-Dritter in die Qualifikation zur «Königsklasse». Schon Mitte November sind die Stars von Trainer Jupp Heynckes vorzeitig Gruppensieger und stehen damit im Achtelfinale, Vizemeister Leverkusen folgt. Nur der BVB patzt in der Vorrunde.

Mit einem 5:0-Kantersieg gegen den MSV Duisburg holt sich Schalke 04 zum fünften Mal den DFB-Pokal und rettet damit ein missratenes Bundesliga-Jahr. «Wir haben nach einer Saison mit allen Höhen und Tiefen noch einmal alles gegeben. Mit einem Titel aufzuhören ist sehr, sehr gut», meint Sportdirektor Horst Heldt.

Ende Mai stürmt der FC Barcelona zum vierten Mal nach 1992, 2006 und 2009 auf Europas Fußball-Thron: Mit Geniestreichen entzaubern Weltfußballer Lionel Messi und Spaniens WM-Held David Villa in London Manchester United mit 3:1 in einem hochklassigen und temporeichen Finale. Der FC Porto gewinnt die Europa League.

Eigentore schießt die FIFA. Der Weltverband kommt das ganze Jahr über aus den Negativ-Schlagzeilen nicht heraus. Wegen Korruptionsverdachts schließt die Ethikkommission mehrere Spitzenfunktionäre aus, den Katari Mohammed bin Hammam sogar auf Lebenszeit. Ein «Desaster für den Fußball», findet Franz Beckenbauer.

Im größten Skandal der 107-jährigen Geschichte wird FIFA-Boss Joseph Blatter dagegen entlastet. Am 1. Juni stimmen 186 der 203 Delegierten für eine weitere vierjährige Amtszeit des 75-jährigen Schweizers, der Mitte November durch Rassismus-Äußerungen erneut harsche Kritik provoziert.

Doppel-Gold und Weltrekord - Fehlstarter Usain Bolt liefert mit seiner Wiederauferstehung die heißeste Story der Leichtathletik-WM in Daegu. Nach dem Titelgewinn über 200 Meter krönt der schnellste Mann der Welt seine überragende Vorstellung, als er Jamaikas Sprintstaffel zum Triumph und zum einzigen Weltrekord der Titelkämpfe führt. Für die deutschen Asse glänzen drei Goldplaketten: Neben Storl wird auch «Speerspitze» Matthias de Zordo Weltmeister. Diskus-Recke Robert Harting verteidigt seinen WM-Titel von Berlin. Kein Titel-Thriller für die deutschen Schwimmer, dafür eine spektakuläre «Flucht aus Shanghai»: Gold-Kandidatin Britta Steffen verlässt China Ende Juli vorzeitig, weil sie ihren Einzelstart verpatzt. Mit dreimal Bronze verhindert ihr Freund Paul Biedermann die totale Pleite für die deutschen Beckenschwimmer. Das einzige WM-Gold holt Langstreckler Thomas Lurz über fünf Kilometer.

Für den Aufschwung und manche Überraschung im deutschen Tennis sorgen die Damen: Sabine Lisicki zieht Ende Juni in Wimbledon als erste Deutsche nach Steffi Graf 1999 ins Halbfinale ein und meint: «Ich bin sprachlos, ich kann es nicht glauben. Ich bin so glücklich.» Angelique Kerber schafft in New York ebenfalls den Sprung ins Top-Quartett, Andrea Petkovic steht gleich dreimal im Viertelfinale. Die Siege teilen sich Kim Clijsters (Australian Open), Na Li (French Open), Petra Kvitova (Wimbledon) und Samantha Stosur (US Open).

Kein Jubel-Jahr ist 2011 für Roger Federer, der erstmals seit 2003 ohne Grand-Slam-Titel in die Winterpause geht. Zuvor tröstet sich der Schweizer bei der WM in London aber mit seinem sechsten WM-Titel - Rekord. Zur Nummer 1 steigt der Serbe Novak Djokovic mit drei Grand-Slam-Siegen (Australian Open, Wimbledon, US Open) auf. Der Spanier Rafael Nadal gewinnt die French Open in Paris.

Absturz der Skispringer bei der Vierschanzentournee, Enttäuschung bei der Heim-WM der Alpinen - und dann doch noch ein versöhnlicher Abschluss durch Maria Riesch: Für die deutschen Wintersport-Asse hält die nacholympische Saison das ganze Programm bereit. Erstmals seit 1991/92 schafft es keiner der DSV-Adler in die Top Ten. Bester in der Endabrechnung ist Michael Uhrmann auf Rang elf. Als neuer Tournee-König wird am 6. Januar in Bischofshofen der Österreicher Thomas Morgenstern gefeiert.

Gold gibt's für Maria Riesch nur am Ringfinger. Bei der Heim-WM in Garmisch-Partenkirchen verhinderte die alpine Skirennfahrerin mit zwei Bronzeplaketten zumindest eine Nullnummer: Dritte in der Abfahrt und im Super-G. Zum Abschluss bleibt auch der ersehnte «Lucky Punch» von Slalom-Ass Felix Neureuther aus. Der 26-Jährige scheidet im wichtigsten Slalom seiner Karriere aus.

Riesch jubelt vier Wochen später doch noch. Erst als dritte deutsche Skirennfahrerin nach Rosi Mittermaier (1976) und Katja Seizinger (1996, 1998) triumphiert sie im Gesamt-Weltcup und holt sie sich die Große Kugel - nur mit drei Punkten Vorsprung auf ihre Dauerrivalin Lindsey Vonn (USA).

«Das ist das Größte überhaupt für mich. Natürlich sind Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen höher von der Außenwirkung. Aber für mich als Sportlerin ist der Gesamtweltcup das Größte, was ich erreichen kann», sagt die 26-Jährige, die Mitte April ihren Manager Marcus Höfl heiratet.

Magdalena Neuner sorgt für die größten Biathlon-Schlagzeilen. Bei der WM in Chanty-Mansiysk gewinnt die Doppel-Olympiasiegerin gleich dreimal Gold und steigt mit zehn Titeln zur Rekordweltmeisterin auf. Anfang Dezember kündigt sie im Alter von nur 24 Jahren ihren Abschied zum Saisonende an. Neuner will mehr Zeit für ihr Privatleben. «Ich habe alles erreicht in sportlicher Hinsicht, was ich mir erwünscht habe, was ich mir erträumt habe», sagt die Bayerin. «Ich bin zwar noch jung, aber das ist auch schön für mich. Ich kann mit 25 ein ganz neues Leben beginnen. Noch einmal ganz von vorne anfangen. Und da freue ich mich unheimlich drauf.»

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein feiert im März nach Ablauf ihrer zweijährigen Sperre aufgrund auffälliger Blutwerte bei der WM in Inzell mit zwei Bronzemedaillen ein starkes Comeback. Unermüdlich kämpft die 39-Jährige um ihre Rehabilitation.

Auf dem Eis feiert drei Tage nach Nowitzki ein Deutscher ebenfalls eine Meisterschaft in Nordamerika. Verteidiger Dennis Seidenberg wird NHL-Champion mit den Boston Bruins im Playoff-Finale gegen Christian Ehrhoff und die Vancouver Canucks. Als bis dahin einziger Deutscher durfte zuvor nur der ehemalige Bundestrainer Uwe Krupp den riesigen NHL-Pokal in Empfang nehmen.