Moskau (dpa) - Bei den Anti-Regierungsprotesten in Russland zeichnet sich am Samstag eine Rekordbeteiligung ab. Damit wären es die größten Proteste seit dem Machtantritt von Wladimir Putin vor gut zehn Jahren.

Die Polizei in Moskau gab die Zahl der Demonstranten offiziell mit 29 000 Menschen an. Das sind deutlich mehr als die 25 000 bei der bislang größten Aktion in Moskau am 10. Dezember.

Der Oppositionspolitiker und frühere Vize-Regierungschef Boris Nemzow sprach von deutlich mehr als 100 000 Demonstranten. Die Angaben gehen traditionell weit auseinander, weil die Zahl der Demonstranten immer auch für die jeweilige Seite im politischen Kampf als Argument genutzt wird.

Der Ort der Kundgebung, der Prospekt Sacharowa im Zentrum Moskaus, fasst nach Schätzungen bis zu 150 000 Menschen. Teilnehmer, die am 10. Dezember auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau demonstriert hatten, sprachen ebenfalls von deutlich mehr Demonstranten.

Bei den Protesten forderte der prominente Ex-Finanzminister Alexej Kudrin überraschend Neuwahlen. Russische Nachrichtenagenturen und der Radiosender Echo Moskwy verbreiteten den völlig unerwarteten Auftritt Kudrins am Samstag in Moskau mit mehreren Eilmeldungen. Kudrin forderte auch live im Radio den Rücktritt von Wahlleiter Wladimir Tschurow.

Der unlängst von Präsident Dmitri Medwedew entlassene Minister Kudrin forderte deutlich mehr politische Reformen und Freiheiten, als die am vergangenen Donnerstag vom Kremlchef in Aussicht gestellten. «Wenn wir das schaffen, dann haben wir die Möglichkeit, unserem Land große politische Stabilität zu sichern», sagte Kudrin. Er erwartet innerhalb eines Jahres vorgezogene Wahlen.

Die Teilnahme des Politikers an den größten Anti-Regierungsprotesten seit dem Machtantritt von Wladimir Putin vor zehn Jahren galt als Sensation, weil Kudrin weiter zum Machtlager gezählt wurde.