Damaskus/Istanbul (dpa) - Syriens Präsident Baschar al-Assad sieht sich als Opfer einer Verschwörung und denkt nicht an Rücktritt. «Ich werde nicht vor der Verantwortung davonlaufen», sagte er in seiner ersten Rede an seine Landsleute seit sieben Monaten.

Hinter dem Aufstand gegen sein Regime stünden ausländische Mächte. Seinen Unterstützern rief er in der Rede, die mehr als eineinhalb Stunden dauerte und im Staatsfernsehen übertragen wurde, zu: «Der Sieg ist nah.» Für Anfang März kündigte Assad ein Referendum über eine Verfassungsreform an, allerdings ohne auf Details einzugehen.

Der Vorsitzende des von der Opposition gegründeten Syrischen Nationalrates, Burhan Ghalioun, sagte vor der Presse in Istanbul, die Fortsetzung der friedlichen Revolution sei die einzige vernünftige Antwort auf Assads enttäuschende Rede. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa erklärte Ghalioun, er erwarte, dass die Gewalt des Regimes gegen die Protestbewegung in den kommenden Wochen noch weiter zunehmen werde, denn die Rede von Präsident Assad lasse Schlimmes befürchten. «Das Ziel dieser Rede war es, vor der Arabischen Liga eine Rechtfertigung dafür zu finden, dass das Regime die Armee nicht abzieht und nicht mit den Beobachtern der Liga zusammenarbeitet», sagte Ghalioun.

Die Sprecherin des Rates, Basma Kadmani, erklärte, das Regime zeige erste Auflösungserscheinungen. Es sei aber schwer vorherzusagen, wie lange der Assad-Clan, der sich inzwischen nur noch auf die Sicherheitskräfte stütze, noch durchhalten werde. «Es gibt Mitglieder der Regierung und der Baath-Partei, die gegen ihn sind, doch das Regime ist grausam, und deshalb haben sie zu viel Angst, um an die Öffentlichkeit zu treten.» Ghalioun sagte, die Tatsache, dass in den vergangenen Monaten kaum noch ein Regierungsmitglied Syrien verlassen habe, sei ein Beweis dafür, dass Assad seinen Ministern misstraue.

Das Oberhaupt der Syrisch-Katholischen Kirche, Patriarch Ignatius Joseph III., sagte in einem dpa-Interview, nur ein Dialog könne den Konflikt lösten. «Warum soll man nicht einen Dialog führen? Weil es 5000 Tote gab? Nach dem Zweiten Weltkrieg (...) haben Deutschland und Frankreich auch einen Dialog geführt», sagte der Patriarch der dpa in Istanbul. Zum Vorwurf allzu großer Regimenähe sagte er: «Ja, man wirft uns vor, auf der Seite des Regimes zu stehen, aber wir wollen letztlich nur erreichen, dass unsere Gemeinden in Frieden leben können.»

Den westlichen Regierungen warf der Patriarch vor, sie opferten die Rechte der Minderheiten in Nahost ihren geostrategischen und wirtschaftlichen Interessen. «Wir Christen fühlen uns von ihnen verraten.» Mehr als sechs Prozente der Bevölkerung Syriens sind Christen.

Das Blutvergießen in Syrien ging derweil weiter. Am Dienstag starben nach Angaben von Aktivisten 31 Menschen. Die meisten Toten habe es in Deir as-Saur gegeben. Bei einem Angriff regimetreuer Schabiha-Milizen wurden nach Angaben der Arabischen Liga in der Stadt Latakia zwei kuwaitische Beobachter der Liga verletzt.

Einen weiteren Übergriff auf arabische Beobachter habe es in Deir as-Saur gegeben, erklärte der Generalsekretär der Liga, Nabil al-Arabi, in Kairo. In einigen Fällen seien auch Angehörige der Protestbewegung auf die Beobachter losgegangen.

Die Beobachter sind seit Dezember in Syrien. Ihre Aufgabe ist es, die Gewalt zu beenden sowie den Abzug der Truppen aus den Städten und die Freilassung politischer Gefangener zu überwachen. Da die Gewalt in Syrien aber unvermindert weitergeht, wird der zunächst bis zum 19. Januar geplante Einsatz von der Opposition kritisiert.

Am Montag waren nach Angaben der Organisatoren der Massenproteste 32 Menschen getötet worden, darunter fünf Soldaten, die desertiert waren. Seit dem Beginn des Aufstands gegen das Regime im März sind nach UN-Schätzungen mehr als 5000 Menschen ums Leben gekommen.