Frankfurt/Main (dpa) - Nach ihrer jüngsten Geldflut wartet die Europäische Zentralbank (EZB) erst einmal ab. Die Währungshüter halten den Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von 1,0 Prozent und widerstehen vorerst Forderungen nach noch niedrigeren Zinsen.

Es gebe «vorsichtige Anzeichen» für eine Stabilisierung der Wirtschaft im Euroraum, begründete EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt die Entscheidung. Einige der kriselnden Staaten machten sehr substanzielle Fortschritte bei der Sanierung ihrer Haushalte. Jedoch bleibe das wirtschaftliche Umfeld von hoher Unsicherheit geprägt.

Nach Draghis Amtsantritt im November hatte der EZB-Rat zwei Mal in Folge den wichtigsten Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft im Euroraum mit Zentralbankgeld um jeweils 0,25 Punkte gekappt. Wegen der schwächelnden Konjunktur fordern etliche Volkswirte, den Zins erstmals seit Einrichtung der EZB 1998 unter 1,0 Prozent zu senken. Auf die Frage, ob er das ausschließe, antwortete Draghi: «Wir schauen uns alle Faktoren an und werden dann entscheiden.»

Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite für Unternehmen und Verbraucher und können so das Wachstum anschieben. Allerdings befeuern sie zugleich die Inflation. An der Preisfront deutete sich jedoch zuletzt zunehmend Entspannung an. Die EZB erwartet, dass die Teuerungsrate noch einige Monate über der Zwei-Prozent-Marke verharren, dann aber unter diese Schwelle sinken wird. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent an.

Noch haben die jüngsten massiven Maßnahmen der Notenbank nicht ihre volle Wirkung entfaltet. Außer mit extrem niedrigen Zinsen greifen die Währungshüter den von Staatsschulden- und Vertrauenskrise gebeutelten Banken mit einem umfangreichen Sonderpaket unter die Arme. Unter anderem reichte die EZB kurz vor Weihnachten über einen außergewöhnlich langen Dreijahreskredit fast 500 Milliarden Euro an Geldinstitute der Eurozone aus.

«Wir sehen Anzeichen, dass diese Mittel tatsächlich in der Wirtschaft ankommen», sagte Draghi. Die Banken, die sich im Dezember mit Zentralbankgeld eindeckten, seien nicht dieselben, die derzeit hohe Summen bei der Notenbank parkten. Aktuell liegen die eintägigen Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB mit bis zu 485 Milliarden Euro auf Rekordhöhe. Beobachter werten das als Beleg für anhaltendes Misstrauen der Banken untereinander.

Draghi bekräftigte, alle Sondermaßnahmen der EZB seien zeitlich begrenzt. Er befand aber zugleich, ohne das Eingreifen der EZB wäre die Gefahr einer Kreditklemme größer gewesen. Die Notenbank selbst hatte im Dezember festgestellt, die Finanzstabilität im Euroraum sei so stark gefährdet wie nie seit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008.

Eingangsstatement Draghi EZB-Pk 8.12.2011

EZB-Maßnahmen für Banken

Zeitreihe zum EZB-Leitzins

EZB zu Staatsanleihenkäufen

Rechtlicher Rahmen der EZB