Frankfurt/Main (dpa) - Der tragische Fall Babak Rafati, die Diskussionen um den öffentlichen Druck, die Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung: Die deutschen Spitzenreferees hätten bei ihrer Halbzeittagung in Mainz einiges aufzuarbeiten.

Für Herbert Fandel, den Vorsitzenden der Schiedsrichter-Kommission im Deutschen Fußball-Bund (DFB), spielen diese Themen am Wochenende aber «keine große Rolle». «Wenn Bedarf gewesen wäre, hätten wir dafür eine extra Tagung angesetzt», erklärte der frühere FIFA-Unparteiische aus Kyllburg der Nachrichtenagentur dpa.

Wenn sich die 42 Erst- und Zweitliga-Spielleiter sowie 27 Erstliga-Assistenten zum Erfahrungsaustausch und zur Weiterbildung treffen, dann wird Rafati wie erwartet fehlen. Der Referee aus Hannover hatte am 19. November unmittelbar vor der Partie 1. FC Köln - FSV Mainz 05 einen Suizidversuch unternommen. Grund dafür war, wie er später mitteilen ließ, eine Depressions-Erkrankung. Dass der 41-Jährige einen «wachsenden Leistungsdruck» und «Angst, Fehler zu machen» beklagte, hat zu einer Debatte über die Schwierigkeiten der Schiedsrichter geführt.

Und noch ein anderes Thema brachte den Unparteiischen unliebsame Schlagzeilen ein. Nach Medienberichten stehen mehr als 70 Referees - darunter auch Bundesliga-Schiedsrichter - unter Verdacht, ihre Einnahmen nicht ordnungsgemäß versteuert zu haben. Die Ermittlungen laufen noch, DFB-Präsident Theo Zwanziger geht nicht davon aus, dass es zu Strafverfahren kommt. «Wenn Fakten auf dem Tisch liegen, werden sie Entscheidungen hören», hatte Fandel schon vor Wochen angekündigt.

«Leider sind in den vergangenen Monaten viele belastende Dinge auf uns eingeströmt, die mit der fachlichen Arbeit nichts zu tun haben», bedauerte der Schiedsrichter-Chef, der seit Mai 2010 im Amt ist und seine Schützlinge besser betreut sieht als zuvor: «Es war uns ein großes Anliegen, das Umfeld der Schiedsrichter zu professionalisieren und sie individuell zu betreuen. Besonders wichtig war dabei der Beobachter- und Coaching-Bereich», erklärte er. «Die Schiedsrichter sind einem großen Druck ausgesetzt, gerade die jüngeren müssen sich an diesen Druck erst gewöhnen.»

Fandels größter Wunsch für 2012 ist es, «dass das Führungsteam der Schiedsrichter-Kommission zu ausschließlich fachlichen Themen zurückkehren kann. Das Schiedsrichterwesen muss weiter modernisiert und professionalisiert werden. Inhaltlich. Personell. Strukturell.» In Mainz stehen vor allem die Themen Abseits, Teamarbeit zwischen Unparteiischen und ihren Assistenten und Körpersprache auf dem Programm. Fandel und seine Kollegen von der Kommission haben «eine ganze Tasche mit Videoszenen aus der Vorrunde» zur Analyse dabei.