Paris (dpa) - Nichts stimmt mehr zwischen Paris und Ankara. «Verhängnisvolle Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Frankreich und der Türkei» hatte der türkische Vizeregierungschef Bülent Arinc wenige Stunden vor der Abstimmung über ein umstrittenes Völkermord-Gesetz im Pariser Senat angedroht.

Kein Land könne es sich leisten, die Freundschaft der Türkei zu verlieren. Auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte Sanktionen angedroht. Sie könnten sich vor allem auf staatliche Investitionen erstrecken - wie etwa den Kauf von Atomkraftwerken des französischen Herstellers Areva. Selbst eine mögliche Airbus-Bestellung der nationalen Fluggesellschaft Turkish Airlines könnte fraglich werden.

Vergeblich hatte das französische Außenministerium zur Besinnung aufgerufen, um die schwere diplomatische Krise zu vermeiden. Gerade auch mit Blick auf die eskalierende Irankrise und den Konfliktherd in Syrien sieht Außenminister Alain Juppé die Regionalmacht Türkei als wichtigen Verbündeten, der auch in Nordafrika bedeutenden Einfluss ausübt.

Wirtschaftlich steht jedenfalls einiges auf dem Spiel für Frankreich. Das Land ist mit 400 großen Unternehmen der zweitwichtigste Investor am Bosporus. Den Handelsaustausch fürs laufende Jahr schätzen Pariser Medien auf 12 Milliarden Euro - die Hälfte sind französische Exporte.

Die Krise schwelt seit Dezember. Die Pariser Nationalversammlung hatte kurz vor Weihnachten einen Gesetzentwurf gebilligt, der die Leugnung offiziell anerkannter Völkermorde unter Strafe stellt. Nach französischer Lesart fallen darunter neben dem Holocaust auch die Verbrechen an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915-1917.

Die Türkei als Rechtsnachfolgerin bestreitet einen Genozid. Ihre Reaktion fiel entsprechend aus: Ankara suspendierte jegliche militärische Kooperation mit dem Nato-Partner Frankreich, holte vorübergehend seinen Botschafter zurück und sagte alle bilateralen Besuch ab. Nun sind weitere Strafmaßnahmen angedroht worden.

Pariser Medien verweisen auf Frankreichs staatliche Souveränität und stellen offen die Frage, ob Ankaras Drohungen dem erhofften EU-Beitritt der Türkei förderlich sein könnten. «Frankreich wird verlieren, und auch die Türkei wird verlieren», erklärte diplomatisch der türkische Botschaftssprecher Engin Solakoglu auf eine entsprechende Frage im französischen Nachrichtensender BFM. Er machte aber auch klar, dass es mit dem türkischen Selbstverständnis unvereinbar sei, wenn andere Staaten Gesetze über die türkische Geschichte erließen. Die Türkei sieht in dem französischen Genozid-Gesetz in erster Linie ein wahltaktisch motiviertes Manöver von Präsident Nicolas Sarkozy, das auf die zahlreichen armenischstämmige Wähler in Frankreich zielt.