Los Angeles (dpa) - Es war der Abend der Adele, nicht der Abend der Whitney Houston. Der Tod der 48-Jährigen überschattete die Grammy-Verleihung am Sonntag nur am Rande. Denn Adele ließ kaum Platz: Der jungen Engländerin gelang das Kunststück, in allen drei Hauptkategorien zu gewinnen.

Und sie verwandelte jede ihrer sechs Nominierungen in Preise. Ihr Durchmarsch macht deutlich, dass es längst eine neue Königin der Hitparaden gibt. Als die Preisverleihung mit einem rockenden Bruce Springsteen begann, der trotz Ohrringen und enger Jeans seine 62 Jahre nicht ganz verbergen konnte, wirkte nicht jeder im Saal glücklich. Zu tief saß der Schock über den überraschenden Tod von Whitney Houston, die eigentlich auch hier sitzen sollte. Kurz vor der Grammy-Party ihres Entdeckers Clive Davis war sie tot in der Badewanne ihres Hotelzimmers entdeckt worden.

«Wir haben einen Tod in unserer Familie», sagte Gastgeber LL Cool J. «Und der einzig richtige Weg, solch einen Abend zu beginnen, ist ein Gebet. Ein Gebet für jemanden, den wir lieben: Unsere Schwester Whitney Houston.» Anschließend stimmte der 44-Jährige ein Vaterunser an. «Unsere Gedanken sind bei ihrer Familie, bei ihrer Mutter und ihrer Tochter.» Das Publikum applaudierte stehend.

«Ich möchte Dir im Himmel sagen: Wir lieben Dich, Whitney!», sagte Stevie Wonder. Der 61-Jährige war einer von mehreren alten Männern, die auch den Abend prägten. Dazu gehörten die Beach Boys, bei denen - alle um die 70 - das «Jungs» wirklich nur noch zum Bandnamen gehört. Und auch Ex-Beatle Paul McCartney, im Juni 70, wirkte längst nicht mehr so frisch, als er mit orchestraler Begleitung und im weißen Zweireiher sein erst wenige Tage altes «My Valentine» sang.

Der Abend war sorgfältig inszeniert, selbst die Trauer war sorgfältig inszeniert. Da mochten sich die Foo Fighters nach ihren fünf Grammys noch so unangepasst geben, letztlich passen auch sie ganz genau in ihr Marketingkonzept. Vielleicht ist es das Rezept der Adele Adkins, dass sie nicht komplett in dieses Raster passt, neben Katy Perry und Rihanna viel zu dick aussieht, nicht mit Feuerwerk und Tanzgruppe über die Bühne fegt, sondern einfach nur dasitzt, Musik macht und singt. Auch noch Lieder, die sie selbst geschrieben hat. So eine soll Karriere machen?

Hat sie längst! Seit 18 Wochen steht «21» von Adele, gesprochen «Ädell», in den USA auf Platz Eins, in Deutschland war es das erfolgreichste Album des letzten Jahres. Nach ihrem ersten Auftritt seit einer komplizierten Stimmbandoperation im November stand das Grammy-Publikum auf, um die Siegerin des Abends zu feiern. «Danke, danke. Das ist doch verrückt», sagte sie mit der Trophäe in der Hand und konnte kaum sprechen vor Rührung. «Ich möchte jedem Radiomoderator danken, der mein "Rolling In the Deep" gespielt hat. Denn ich weiß, dass es nicht gerade ein Popsong ist.» Aber Pop kommt von populär, und das ist das letzte, was man Adele absprechen könnte.

Sechs Grammys an einem Abend - so viele hatte Whitney Houston in ihrem ganzen Leben gewonnen. Die beiden letzten vor 13 Jahren. Nachdem auf der Leinwand noch einmal der Toten des Jahres gedacht worden war, stand sie plötzlich wieder da: Die Silhouette, das Kleid, die Frisur - das war doch Whitney! War sie nicht, es war Jennifer Hudson, die Houstons größten Hit «I will Always Love You» sang. Und die 30-Jährige bewies zwei Dinge: Zum einen, dass sie eine große Stimme hat. Aber auch, dass Whitney Houston eine Ausnahme war, die kaum zu ersetzen ist.

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