Leverkusen (dpa) - Die Meisterschaft abgeschrieben, der Trainer mehr denn je gefordert und erneut ein peinlicher Zoff unter Spielern: Der FC Bayern München steckt nach dem 0:2-Debakel bei Bayer Leverkusen tief in der Krise.

«Nach dem heutigen Tag müssen wir sicherlich nicht mehr von der Meisterschaft reden», stellte der total frustrierte Bayern-Sportdirektor Christian Nerlinger nach dem vielleicht vorentscheidenden Tiefschlag fest und fügte wohlwissend hinzu: «Natürlich kommt jetzt die Kritik und wir sind unter Druck.»

Dies gilt auch für Chefcoach Jupp Heynckes, der als Fußball-Weiser eine Art Brückenbauer in eine glorreiche Zukunft sein sollte und nun eher um den Arbeitsplatz bangen muss. «Wenn man Trainer beim FC Bayern ist, muss man mit solchen Situationen umgehen, gelassen und souverän sein», sagte der 66-Jährige, den Nerlinger aber demnächst zum Gespräch bitten will: «Zum gegebenen Zeitpunkt. Den muss ich nicht verkünden.» Toni Kroos, der unter Heynckes in Leverkusen zum Nationalspieler geworden war, wünscht sich eine Trainerdiskussion nicht: «Hoffentlich gibt es jetzt keine.»

Viel Hoffnung hat Heynckes, der zuvor zwei Jahre bei Bayer 04 tätig war, nach den bitteren 90 Minuten an alter Wirkungsstätte nicht, die Tabellenspitze zurückzuerobern: «Man muss realistisch sein. Sieben Punkte sind eine Menge Holz.» Denn Borussia Dortmund (2:1 gegen Mainz) hatte im Samstag-Spätspiel die Steilvorlage der Bayern eiskalt genutzt. Leverkusens Stefan Kießling (79.) und Karim Bellarabi (90.) hatten den ersten Sieg gegen den Branchenriesen seit dem 28. August 2004 perfekt gemacht.

Der Rekordmeister brachte sich ähnlich wie in Freiburg (0:0), in Hamburg (1:1) oder beim FC Basel (0:1) wegen eklatant schlechter Chancenausnutzung selbst um den Erfolg - und wohl auch um die 23. Meisterschaft. «Wenn man so hochkarätige Chancen nicht nutzt, kann der Schuss nach hinten losgehen», sagte Heynckes. Weder David Alaba (2. Minute) noch Arjen Robben (13.), Thomas Müller (36.) oder Mario Gomez (40.) konnten allerbeste Möglichkeiten in Tore ummünzen.

Dass die Bayern-Profis Jerome Boateng und Müller in der 29. Minute lautstark und handfest aneinandergerieten, passte ins Bild des alles andere als harmonischen Teamgefüges. «Das ist gar nicht schlecht. Es muss ein bisschen Feuer in die Mannschaft», meinte Robben zur Fast-Prügelei. Während Müller wie die meisten seiner Kollegen griesgrämig und wortlos verschwand, meinte Boateng angesäuert zu dem Streit: «Wir sind doch keine Mädchen.» Auch Heynckes spielte die Sache herunter: «Es gehört dazu, dass Emotionen gelebt werden.»

Nach dem möglicherweise folgenschweren Patzer - erstmals seit den BVB-Titelgewinnen 1995 und 1996 könnte der FC Bayern zwei Jahre in Folge ohne Meisterschaftskrone bleiben - überwog das Gefühl der Enttäuschung. «Das ist einfach scheiße», schimpfte Franck Ribéry, der gegen Schalke (2:0) zuletzt überragend war und wegen einer Oberschenkelprellung erst in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde. «Letzte Woche waren alle glücklich, jetzt ist unser Kopf kaputt», so der niedergeschlagene Franzose.

«Wir sind in einer sehr schwierigen Situation und müssen uns nun mit uns selbst beschäftigen», forderte Robben vor dem Schicksalsmonat März. Schließlich geht es für die Bayern im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Basel (13.3.) und im Pokal-Halbfinale bei Borussia Mönchengladbach (21.3.) nun um Alles oder Nichts. Robben: «Das sind noch zwei sehr große Ziele.»

Zunächst müssen die Münchner aber ihren Frust verarbeiten. «Es tut sehr weh. Es läuft nicht gut», meinte Kapitän Philipp Lahm. «Sehr bitter.» Nun müssen die Bayern in der Bundesliga die Blickrichtung ändern und den Champions-League-Platz absichern. «Wir dürfen nicht auf Dortmund schauen. Für uns muss es Priorität haben, Zweiter zu werden», sagte Kroos. Schließlich muss das Heynckes-Ensemble Mitte April auch noch beim BVB antreten.

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