Moskau (dpa) - Russland wählt unter großen Sicherheitsvorkehrungen und einem bisher beispiellosen Einsatz von Beobachtern einen neuen Präsidenten.

Die Zentrale Wahlkommission in Moskau sprach von einer sehr regen Stimmabgabe. Gegen 10.00 Uhr MEZ lag die Wahlbeteiligung bei mehr als 30 Prozent, hieß es.

Als letzter der fünf Kandidaten gab Regierungschef Wladimir Putin (59) seine Stimme ab. Er gilt als Favorit für den Einzug in den Kreml. Das russische Präsidentenamt ist eines der mächtigsten der Welt. Zu den fast unbegrenzten Vollmachten den Kremlchefs gehört auch die Gewalt über das nach den USA zweitgrößte Atomwaffenarsenal.

Zu der Abstimmung in den insgesamt neun Zeitzonen des flächenmäßig größten Landes der Erde waren 110 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen. Erstmals konnten die Menschen wegen befürchteter Manipulationen die Abstimmung über Internetkameras auf der Seite webvybory2012.ru live in den meisten der landesweit 96 000 Wahllokale verfolgen. Das sei eine Weltpremiere, sagte Wahlleiter Wladimir Tschurow.

Der Ex-Geheimdienstchef Putin war bereits von 2000 bis 2008 Präsident der Energiegroßmacht gewesen. Seit langem wieder einmal war er im Beisein seiner Ehefrau Ljudmila (54) zu sehen. «Ich habe ausgeschlafen, Sport getrieben, und bin dann hierhergekommen», sagte Putin nach Angaben der Agentur Interfax. «Natürlich rechne ich mit einer guten Wahlbeteiligung», führte er aus.

Putin durfte 2008 nicht bei der Kremlwahl antreten, weil die Verfassung nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten zulässt. Er hatte damals seinen politischen Ziehsohn Dmitri Medwedew für das Präsidentenamt vorgeschlagen. Im Fall seines Sieges will Putin Kremlchef Medwedew in einem umstrittenen Ämtertausch zum Regierungschef machen. Das Amt des Premiers ist dem des Präsidenten untergeordnet. Der Rollentausch ist für Mai geplant.

Nach der umstrittenen Parlamentswahl im Dezember hat die Zivilgesellschaft eine nie dagewesene Zahl an Beobachtern mobilisiert. Zehntausende wollen Wahlfälschungen verhindern. Auch internationale Beobachter unter anderem von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind im Einsatz.

Die unabhängige russische Wahlbeobachterorganisation Golos sprach am Sonntagmittag von ähnlich vielen Verstößen bei der Abstimmung wie zuletzt bei der Parlamentswahl. Auch die Oppositionspartei Jabloko kritisierte zahlreiche Wahlgesetzverstöße.

Als erster Kandidat gab der Multimilliardär Michail Prochorow im Gebiet Krasnojarsk in Sibirien seine Stimme ab. Der 46-Jährige ist das einzige neue Gesicht unter den Bewerbern. Mit im Rennen sind auch Kommunistenchef Gennadi Sjuganow (67), der Ultranationalist Wladimir Schirinowski (65) und der Linkskonservative Sergej Mironow (59).

Putins Mitbewerber hoffen auf eine Stichwahl. Die Opposition hat aus Protest gegen die aus ihrer Sicht unfaire Wahl und wegen Mangels an politischem Wettbewerb Massenkundgebungen angekündigt. Ihr Kandidat Grigori Jawlinski war nicht zugelassen worden. Rund 450 000 Sicherheitskräfte sind im Einsatz, um einen störungsfreien Wahlverlauf zu garantieren.

Für Wirbel am Rande des Urnengangs sorgte die vorübergehende Festnahme von sechs Punk-Musikern nach spektakulären Protestaktionen gegen Putin. Die vermummt auftretende Band Pussy Riot hatte unter anderem in der Erlöserkathedrale und vor dem Kreml gegen seine Rückkehr in den Kreml protestiert. Die Polizei nahm am Samstag und Sonntag fünf Frauen sowie den Koordinator der Gruppe fest.

Unmittelbar nach Schließung der letzten Wahllokale um 18.00 Uhr MEZ werden die Wahlnachbefragungen erwartet und noch am späten Sonntagabend die ersten Ergebnisse. Der Kremlchef wird nach einer Verfassungsänderung erstmals für sechs Jahre gewählt, zwei Jahre länger als bisher. Amtsinhaber Medwedew hatte seinen Verzicht auf eine neue Kandidatur mit der hohen Popularität Putins begründet. Der neue Präsident soll im Mai sein Amt antreten.

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