Moskau (dpa) - Begleitet von massiven Betrugsvorwürfen und Sicherheitsvorkehrungen hat Russland einen neuen Präsidenten gewählt. Regierungschef Wladimir Putin als Favorit zeigte sich am Sonntag siegessicher, seine vier Mitbewerber bereits in der ersten Runde zu schlagen.

Repräsentative Umfragen sahen den 59-Jährigen in Führung. Der Ex-Geheimdienstchef regierte bereits von 2000 bis 2008 im Kreml. Die ersten Prognosen wurden nach Schließung der letzten Wahllokale um 18.00 Uhr MEZ erwartet. Erstmals wurde die Abstimmung praktisch flächendeckend mit Videokameras überwacht, um Fälschungsvorwürfe zu entkräften.

Die Zentrale Wahlkommission in Moskau sprach von einer deutlich regeren Stimmabgabe als 2008. Um 15.00 Uhr MEZ lag die Wahlbeteiligung nach offiziellen Angaben bei knapp 60 Prozent. Putins Sprecher Dmitri Peskow zeigte sich optimistisch für einen Sieg bereits in der ersten Runde.

Die unabhängige Wahlbeobachterorganisation Golos, die Oppositionspartei Jabloko und die neue Liga der Wähler beklagten ähnlich viele Unregelmäßigkeiten wie bei der umstrittenen Parlamentswahl im Dezember. Das Innenministerium wies die Vorwürfe zurück. Abgesehen von kleineren, unbedeutenden Manipulationsversuchen verlaufe die Abstimmung reibungslos, hieß es.

Nach Massenprotesten gegen den Sieg von Putins Partei Geeintes Russland bei der Dumawahl hatte die Zivilgesellschaft diesmal eine nie dagewesene Zahl an Beobachtern mobilisiert. Zehntausende wollten Wahlfälschungen verhindern. Auch internationale Beobachter unter anderem von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) waren im Einsatz.

Oberflächlich betrachtet sei die Abstimmung korrekt verlaufen, sagte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck der Deutschen Presse-Agentur als Beobachterin in der Stadt Twer 170 Kilometer nördlich von Moskau. «Aber wenn wir zu Zeiten Erich Honeckers in die DDR gegangen wären, hätten wir auch keine Verstöße gesehen.»

Das russische Präsidentenamt ist eines der mächtigsten der Welt. Zu den fast unbegrenzten Vollmachten den Kremlchefs gehört auch die Gewalt über das nach den USA größte Atomwaffenarsenal.

«Ich habe ausgeschlafen, Sport getrieben, und bin dann hierhergekommen», sagte Putin nach Angaben der Agentur Interfax bei der Stimmabgabe. Seit langem erschien er wieder einmal mit seiner Ehefrau Ljudmila (54).

Zu der Abstimmung in den insgesamt neun Zeitzonen des flächenmäßig größten Landes der Erde waren 110 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen. Erstmals konnten die Menschen wegen befürchteter Manipulationen die Abstimmung über Internetkameras auf der Seite webvybory2012.ru live in den meisten der landesweit 96 000 Wahllokale verfolgen. Das sei eine Weltpremiere, sagte Wahlleiter Wladimir Tschurow.

Als erster Kandidat gab der Multimilliardär Michail Prochorow im sibirischen Gebiet Krasnojarsk seine Stimme ab. Der 46-Jährige war das einzige neue Gesicht unter den Bewerbern. Mit im Rennen waren auch Kommunistenchef Gennadi Sjuganow (67), der Ultranationalist Wladimir Schirinowski (65) und der Linkskonservative Sergej Mironow (59). Die Grünen-Experten Beck kritisierte, es gebe keine Alternative für diejenigen, die Reformen und Demokratie wollten.

Putins Mitbewerber hofften auf eine Stichwahl. Die Opposition hat aus Protest gegen die aus ihrer Sicht unfaire Wahl und wegen mangelnden politischen Wettbewerbs Massenkundgebungen angekündigt. Ihr Kandidat Grigori Jawlinski war nicht zugelassen worden.

Rund 450 000 Sicherheitskräfte waren landesweit im Einsatz, um einen störungsfreien Wahlverlauf zu garantieren. Die Anhänger Putins wollten noch am Wahlabend in Moskau Massenkundgebungen zur Unterstützung ihres Kandidaten organisieren.

Putin durfte 2008 nicht bei der Kremlwahl antreten, weil die Verfassung nur zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten zulässt. Er hatte damals seinen politischen Ziehsohn Dmitri Medwedew für das Präsidentenamt vorgeschlagen. Im Fall seines Sieges will Putin Kremlchef Medwedew in einem umstrittenen Ämtertausch zum Regierungschef machen. Das Amt des Premiers ist dem des Präsidenten untergeordnet.

Der Kremlchef wird nach einer Verfassungsänderung erstmals für sechs Jahre gewählt, zwei Jahre länger als bisher. Amtsinhaber Medwedew hatte seinen Verzicht auf eine neue Kandidatur mit der hohen Popularität Putins begründet. Der neue Präsident soll im Mai sein Amt antreten. Dann ist auch der Rollentausch geplant.

Für Wirbel am Rande der Abstimmung sorgte der Nacktprotest dreier ukrainischer Feministinnen in Putins Wahlbüro. Aufregung brachte auch die vorübergehende Festnahme von sechs Punk-Musikern nach spektakulären Protestaktionen gegen Putin, etwa in der Erlöserkathedrale und vor dem Kreml gegen Putin.

Interaktive Karte von Golos, Russisch

Wahlleitung

Beobachter der unabhängigen Wähler-Liga, Russisch

Unabhängiges Wahlbeobachterprojekt Roswybory, Russisch

Video mit Putin-Ehepaar

Internetkameras

Präsidentenwahl laut Verfassung

Fotos und Video des Nacktprotests

Wahlleitung