Ruhpolding (dpa) - Magdalena Neuner ist beim WM-Finale im Ruhpoldinger Nieselregen leer ausgegangen - so blieb das emotionale Staffel-Gold das Abschiedsgeschenk. Sechs Schießfehler im abschließenden Massenstart-Wettkampf waren zu viel für eine weitere Medaille.

Neuner wurde beim dritten WM-Sieg der Norwegerin Tora Berger lediglich Zehnte. Beste Deutsche war Tina Bachmann, die trotz eines Sturzes auf Rang vier landete. Andreas Birnbacher lief als Massenstart-Vierter ebenfalls an der ersehnten Einzel-Medaille vorbei.

Neuner war nach dem WM-Marathon erschöpft und erleichtert. Bei der feierlichen Verabschiedung fand der Star die richtigen Worte. «Ich möchte einfach noch einmal Danke sagen, an alle, die den ganzen Tag im Regen gestanden sind.» Bürgermeister Claus Pichler überreichte ihr eine lebenslange Akkreditierung, die auch für die Familie gilt. «Wir hoffen, es gibt viele kleine Neuners irgendwann.»

Zwölf WM-Titel, vier Silbermedaillen und eine Bronze-Medaille stehen nun in Neuners Karriere-Bilanz, ehe die Doppel-Olympiasiegerin am 18. März nach dem Weltcup-Finale in Sibirien in die Biathlon-Rente gehen wird. In Chanty-Mansijsk will die 25-Jährige zum dritten Mal den Gesamt-Weltcup gewinnen.

«Sie hat alles erreicht. Sie hat auf alles verzichten müssen, was junge Leute in ihrem Alter erlebt haben», sagte Mutter Margit in der ARD. Deshalb war ihre Tochter nach dem ganzen WM-Stress auch nicht traurig. «Ich bin froh, dass es vorbei ist, dass ich Abstand gewinnen kann von dem ganzen Trubel, von dem ganzen Rummel», gab sie zu.

Man könne sich nicht vorstellen, «wie das ist, wenn man die Spannung so lange aufrecht erhalten muss. Noch dazu, wenn man Magdalena Neuner heißt.» Nach dem Staffel-Gold am Samstag hatte sie auch im Massenstart-Rennen vor dem letzten Schießen noch Medaillenchancen, ging volles Risiko, doch drei Scheiben blieben stehen.

Abgesehen von den trüben Bedingungen hatte der Sonntag vielversprechend begonnen. Eingepackt in Regenjacken, suchten Neuner und ihre Kolleginnen Schutz vor dem Schmuddelwetter. Deutschlands Singstar für Baku, Roman Lob, sang «Standing Still». Über die Video-Wand flimmerten die schönsten Augenblicke der Neunerschen Karriere. «Bei diesem Sauwetter solch eine Begeisterung», wunderte sich Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer über das Treiben auf den Tribünen beim Biathlon-Volksfest.

«Tschüss Lena», «Danke Lena» oder auch «Servus Lena» - die Plakate der Fans sagten alles. Entsetzen gleich beim ersten Schuss, den Neuner nicht ins Ziel brachte. Und es blieb aufregend. Im tiefen Schnee gab es eine Massenkarambolage wie sonst in der Formel 1. Andrea Henkel, am Ende 12., und Neuner kamen unbeschadet davon - Tina Bachmann ging zu Boden. Der Sturz kostete sie am Ende die verdiente Medaille.

Auch Birnbacher hatte kein Glück. Einmal mehr hätte sich der Hobby-Fischer das Gold angeln können, einmal mehr vergab der 30-Jährige im letzten Schießen den Titel. «Es ist noch etwas bitterer, weil es der zweite vierte Platz für mich ist. Wieder bin ich nur hauchdünn am Podest vorbei», sagte er. «Ich bin schon etwas enttäuscht, denn ich wollte eine Einzel-Medaille.» 1,2 Sekunden fehlten dem Schlechinger auf Bronze, 9,8 Sekunden auf Gold. Das holte sich, bereits zum dritten Mal, Martin Fourcade. «Davon habe ich mein ganzes Leben geträumt», sagte der Franzose.

Mit zusammen elf Strafrunden waren Arnd Peiffer, Turin-Olympiasieger Michael Greis und Simon Schempp im Gipfel-Treffen der besten 30 chancenlos. «Die Herren haben gezeigt, dass sie zur Weltspitze gehören. Es fehlt vielleicht noch ein ganz kleiner Schritt», sagte Chefcoach Uwe Müssiggang.

Da war das rauschende Fest der Damen schon Geschichte. Bei der letzten Siegerehrung mit deutscher Beteiligung am Samstagabend im Champions Park fassten sich Tina Bachmann, Magdalena Neuner, Miriam Gössner und Andrea Henkel an den Händen. Die Gold-Staffel sprang gemeinsam ganz oben auf das Siegerpodest. Mit riskanter Aufstellung hatten ihre Trainer hoch gepokert und alles gewonnen. «Ein Kompliment an die Truppe. Sie hat ein Riesenrennen gelaufen», lobte Müssiggang.

Nach den 4x6 Kilometern, einem Auf und Ab der Gefühle, stellte Deutschlands höchster Sportfunktionär Thomas Bach begeistert fest: «Was für ein grandioses Rennen. Toll, dass die Miri die Lena wieder rausgeschossen hat.» Gössner hatte allen gezeigt, dass sie doch schießen kann und so die Strafrunde der an Position zwei laufenden Neuner vergessen gemacht - Henkel brachte den Titel sicher nach Hause. «Es war ganz wichtig für die Mädels, dass sie gezeigt haben, dass der Biathlonsport auch in Zukunft weitergeht», betonte Neuner - und dies gerade in der Hochburg dieses Sports.

Ruhpolding hat als Austragungsort auf jeden Fall neue Maßstäbe gesetzt. Noch nie nahmen so viele Nationen teil, noch nie standen so viele Zuschauer an der Strecke. «Ruhpolding ist das Mekka des Biathlons. Es war eine perfekt organisierte Veranstaltung, das Niveau ist kaum noch und nur schwer zu steigern», sagte Anders Besseberg, Präsident des Weltverbandes IBU. Fast 220 000 Zuschauer kamen. Und auch bei den Fernsehzuschauern bleiben die Skijäger die Nummer eins.