Istanbul (dpa) - Syriens Opposition hat sich lange gegen ein militärisches Eingreifen des Westens gesträubt. Doch inzwischen setzt sich bei den Aktivisten die Meinung durch, dass das Gemetzel ohne die Einrichtung einer vom Westen mit Luftangriffen gesicherten Flugverbotszone kein Ende finden wird.

Hassan al-Aswad gehört zu den Aktivisten, die vor einem Jahr die ersten Proteste gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad organisierten. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Istanbul erklärt der Anwalt aus der Stadt Daraa, weshalb er glaubt, dass sich die EU-Staaten und die USA letztlich doch zu einer Intervention durchringen werden.

«Der Westen wird eingreifen müssen - ob er will oder nicht, denn es steht viel auf dem Spiel», sagte Al-Aswad. Denn je mehr Massaker verübt würden, desto größer sei die Gefahr eines langen Bürgerkrieges, in dem sunnitische und alawitische Zivilisten einander töten. «Bisher hat es nur einzelne Fälle von Rache gegeben, aber wenn weiterhin nichts passiert, um dem Töten ein Ende zu setzen, dann dauert es keine zwei Monate mehr, bis es soweit ist.»

Assad gehört der Minderheit der alawitischen Muslime an, aus deren Reihen er und vor ihm schon sein Vater, Präsident Hafis al-Assad, viele Führungskräfte des Geheimdienstes und der Sicherheitskräfte rekrutiert haben. Die Mehrheit der Syrer bekennt sich zum sunnitischen Islam.

Al-Aswad ist überzeugt: «Wenn es eine sichere Zone in Syrien gäbe, so wie einst im Osten von Libyen, dann würden 90 Prozent der Soldaten der regulären Truppen desertieren.» Das Regime wäre dann binnen weniger Wochen erledigt. Eine politische Einigung mit dem Regime wäre seiner Ansicht nach in den ersten Monaten des Aufstandes noch von einer Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert worden, jetzt aber nicht mehr. «Es gibt keinen Weg zurück», sagte er. Den USA und den EU-Staaten warf er vor, sie hätten im Syrien-Konflikt zu lange gezögert.

Al-Aswad, der im Frühjahr 2011 zweimal für kurze Zeit inhaftiert war und am 30. April über die Grenze nach Jordanien floh, erinnert sich mit Schrecken an die ersten Tage des Konflikts im März vergangenen Jahres: «Sie hatten ungefähr ein Dutzend Kinder und Jugendliche eingesperrt, weil sie in Daraa Graffiti gegen das Regime an die Wände gesprüht hatten. Sie haben sie gefoltert, ihnen die Nägel ausgerissen, ihnen Verbrennungen zugefügt und Stromschläge verpasst. Erst nach Wochen kamen sie frei. Ein Junge ist bis heute noch nicht freigekommen. Wir wissen nicht, ob er noch lebt.»

Al-Aswad erklärte mit Bedauern, aus dem Exil könne er derzeit nicht mehr tun, als Hilfslieferungen für die Menschen in den Protesthochburgen zu organisieren und bei westlichen Diplomaten um Unterstützung beim Aufbau einer «Übergangsjustiz» für die Zeit nach dem Sturz des Regimes zu werben. Denn, dass sich Assad dauerhaft an der Macht halten kann, glaubt er nicht.