Karlsruhe/Berlin (dpa) - Mit zwiespältigen Gefühlen nimmt die Kunstwelt das neue Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zur NS-Raubkunst auf. Zwar will keine Sammlung Stücke in seinen Beständen, die den Makel tragen, vom NS-Propagandaministerium beschlagnahmt worden zu sein.

Gleichzeitig blutet vielen Museumsmachern das Herz, wenn sie Stücke an Erben zurückgeben müssen, denen sie nicht den nötigen Sachverstand zutrauen. Wie die Frage im Fall der wertvollen Plakate des jüdischen Sammlers Hans Sachs ausgeht, die zurzeit noch im Deutschen Historischen Museum in Berlin lagern, werden die kommenden Monate zeigen.

Der Bundesgerichtshof bestätigt am Freitag Peter Sachs als rechtmäßigen Erben der rund 4000 Plakate umfassenden Sammlung (V ZR 279/10). Der 1938 geborene Sohn des feinsinnigen Berliner Zahnarztes Hans Sachs lebt inzwischen in den USA und ist bislang nicht als Kunstkenner aufgefallen. Beobachter befürchten deshalb, dass die auf mehr als vier Millionen Euro geschätzte Sammlung mit Werken von Henry van de Velde, Käthe Kollwitz und Otto Dix schon bald unter den Hammer kommen könnte.

Bislang hat sich Peter Sachs kaum in die Karten schauen lassen. «Ich will Gerechtigkeit», sagt er vor drei Jahren in einem Interview. «Für meinen Vater. Er hat in seinen Erinnerungen geschrieben, der Verlust der Sammlung sei das schlimmste Ereignis in seinem Leben gewesen.» Allerdings will der Sohn die Plakate nicht selbst behalten - die sachgerechte Aufbewahrung der empfindlichen Papiere ist zu aufwendig und zu teuer.

Was daraus wird? «Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht», sagte er 2009. Jetzt, nach dem Urteil, lässt er über seinen Anwalt Matthias Druba verlauten, dass er die Sammlung nach dem Willen seines Vaters dem Publikum zugänglich machen will. «Nun stellt sich die Aufgabe, einen Rahmen für die Sammlung zu finden, der ihr gerecht wird», sagt Druba.

Wer kommt dafür in Betracht? Sowohl historische als auch künstlerische Sammlungen sind denkbar. Peter Sachs neigt eher zur Kunst. Die Plakate etwa, die für Pariser Revuen werben, fallen seiner Ansicht nach eindeutig in diese Kategorie. Deshalb sei es fraglich, ob die Sammlung in einem Geschichtsmuseum richtig aufgehoben ist, sagt Druba. «Das Museum müsste das Gespräch suchen.»

Dieses Gespräch wird es geben. «Jetzt herrschen klare Verhältnisse, und wir werden in den kommenden Wochen mit Herrn Sachs zusammenkommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen», sagt Museumssprecher Rudolf Trabold. Die Bandbreite der Möglichkeiten ist für ihn groß. Sie reicht von einer Schenkung von Hans und Peter Sachs über eine Leihgabe, bei der die Stücke in Berlin bleiben, bis zum Verkauf auf dem internationalen Kunstmarkt.

Das Museum ist auch durchaus bereit, Geld in die Hand zu nehmen. «Es ist eine sehr bedeutende Sammlung, die wir für die Öffentlichkeit und die Wissenschaft erhalten wollen», erklärt Trabold. Und das Thema Geld ist nicht wegzudiskutieren. Vater Hans Sachs hat 1961, als seine Sammlung noch als verschollen galt, eine Wiedergutmachungszahlung von 225 000 D-Mark erhalten.

Diese Summe will der Erbe zurückzahlen, wenn er die Plakate erhält. Das ist die andere Seite der Regel Rückgabe vor Entschädigung. In aktuellen Geldwert umgerechnet könnte das Peter Sachs bis zu 600 000 Euro kosten - und eine solche Summe wird der gelernte Pilot im Ruhestand vermutlich ohne Verkauf der Plakate kaum aufbringen können.

Auch an dieser Stelle sieht das Museum Verhandlungsmöglichkeiten Allerdings scheint das Verhältnis zum Sammler ein wenig gestört. Denn in den 1960er Jahren waren in einem Ostberliner Keller angeblich 8000 Sachs-Plakate aufgetaucht. Davon konnte das Museum nur noch rund die Hälfte identifizieren. Peter Sachs erhält nur jene Stücke zurück, die sein Vater gestempelt oder auf andere Weise gekennzeichnet hat. «Das sind alles Spekulationen», wiegelt Trabold ab. «Mit solchen Zahlen muss man vorsichtig sein.»

Fest steht allerdings, dass alle anderen Plakate, bei denen eine solche Signatur fehlt, im Museum bleiben. Beispiel «Die Blonde Venus», mit dem 1932 für den Film von Josef von Sternberg mit Marlene Dietrich geworben wurde. Im Rechtsstreit konnte das Bild nicht eindeutig der Sachs-Sammlung zugeschrieben werden. Inventarlisten, die weiterhelfen könnten, sind verschwunden. Das gilt auch für einige hundert Poster, die in den 1980er Jahren gestohlen und versteigert wurden.