Köln (SID) - Die staatsanwaltlichen Ermittlungen in der Dopingaffäre um den Erfurter Sportmediziner Andreas Franke verzögern sich weiter und werden nicht vor Mai abgeschlossen. "Es dauert sicher noch vier Wochen, vielleicht auch noch länger", sagte Oberstaatsanwalt Hannes Grünseisen am Dienstag dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Zum Kreis der 30 Athleten, denen in möglicherweise unzulässiger Weise Blut abgenommen und nach einer UV-Bestrahlung wieder zugeführt worden ist, sollen 14 Radsportler, je fünf Leichtathleten und Eisschnellläufer sowie zwei Handballer zählen. Sollte sich herausstellen, dass der auch am Olympiastützpunkt Thüringen tätig gewesene Mediziner Sportler mit einer unerlaubten Methode behandelt hat und die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt, droht Franke eine Geldstrafe beziehungsweise eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Der Mediziner hatte stets erklärt, die UV-Behandlungen nur zur Infektbehandlung durchgeführt zu haben, nie zum Zwecke der Leistungssteigerung.

Mit möglichen Verstößen von Sportlern gegen Doping-Bestimmungen beschäftigt sich die Nationale Anti Doping Agentur (NADA), die gegen eine Erfurter Eisschnelläuferin und einen Radsportler wegen des Verdachts der Anwendung einer unerlaubten Blutdoping-Methode Ermittlungen einleitete. Für Sanktionen ist das Deutsche Sport-Schiedsgericht (DIS) in Köln zuständig.

Die staatsanwaltschaftliche Anhörung von Zeugen, "im wesentlichen Radsportler", ist laut Hannes Grünseisen weitgehend abgeschlossen. Doch es sei in anderen Bereichen zu zeitlichen Verzögerungen gekommen. Dass Teile der Politik in Berlin oder - wie kürzlich geschehen - Dopinggegner in einem offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel auf einen zeitnahen Abschluss des Verfahrens drängen, beeinflusst die Arbeit der Staatsanwaltschaft laut Grünseisen nicht. Man sei nur an Weisungen von Dienstvorgesetzten bis hinauf zum Justizminister des Landes Thüringen gebunden: "Wir schließen Ermittlungen nicht dann ab, wenn Verbände oder andere Personen das wollen."

Grünseisen konnte noch nicht sagen, ob dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) die in dieser Woche beantragte Akteneinsicht gewährt wird. "Der Leichtathletik-Verband wird in diesem Fall wie eine Privatperson eingestuft. Wir prüfen stets den Einzelfall. Der zuständige Kollege ist im Urlaub. Darum kann ich dazu noch nichts sagen", sagte Grünseisen.

DLV-Präsident Clemens Prokop, selbst Richter, hatte in seinem Antrag an die Erfurter Staatsanwaltschaft darauf verwiesen: "Es ist gerade im Hinblick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele 2012 in London für den DLV von enormer Wichtigkeit zu wissen, ob sich unter den von Andreas Franke behandelten Athleten auch ehemalige beziehungsweise derzeit noch aktive DLV-Athleten befunden haben."

Gegen Akteneinsicht für den DLV könnte sprechen, dass der Verband ebenso wie die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) 2011 die Dopingverfahren an die NADA übertragen hatte. Die Agentur kümmert sich um den gesamten Prozess von der ersten Anhörung bis hin zur Verfahrenseinleitung. Ihr Ergebnismanagement hatte auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) vergangenes Jahr der NADA übertragen.