Berlin (dpa) - Mit dem Verteilen von Gratisausgaben des Korans haben radikal-islamische Salafisten nach Experten-Ansicht eines ihrer Ziele bereits erreicht: Aufmerksamkeit. «Jeder spricht jetzt über Salafisten», sagte der Religionssoziologe Rauf Ceylan der Universität Osnabrück der dpa.

«Ihre Attraktivität für junge Menschen liegt in der Vereinfachung der Religion durch klare Verbote und Gebote. Man hat nach ihrem theologischen Verständnis zu leben, sonst kommt man nicht ins Paradies.»

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann erklärte in Berlin, die Gruppe der Salafisten benutze die Religion nur als Deckmantel. «Sie betreibt in Wirklichkeit eine aggressive Propaganda.» Und: «Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist. Aber die Gruppe der Salafisten hat ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt und bietet einen Nährboden für Terrorismus.» Diese Salafisten sollten isoliert werden. «Wir sollten all jene Muslime unterstützen und bestärken, die einen modernen und weltoffenen Islam wollen.»

Nach den Worten des Arabistik-Professors Thomas Bauer nehmen die Salafisten mit ihrem Missionierungsversuchen im Islam eine Sonderrolle ein. Er rechnet nicht damit, dass ein durch Salafisten übersetzter Koran viele Deutsche überzeugen wird. «Es gibt sehr schöne Übersetzungen. Aber die schönen sind in der Regel nicht die salafistischen. Und wenn es eine ästhetisch schlechte Übersetzung ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass damit irgendeine Seele gewonnen wird», sagte der Wissenschaftler vom Forschungsverbund Religion und Politik an der Universität Münster der dpa.

Salafisten sind eine Gruppe besonders radikaler Islamisten. In Fußgängerzonen von Großstädten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz und über das Internet wollen sie 25 Millionen Koran-Exemplare kostenlos verteilen. Am Wochenende planen sie in Deutschland Auftritte in mehr als 30 Städten. Der Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Bodo Becker, sagte dem «Kölner Stadt-Anzeiger»: «Es geht hier um salafistische Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern. Der Koran ist nur ein Vehikel.» Salafisten stellten Grundelemente der freiheitlichen Demokratie in Frage.

Nach den Worten des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger (SPD) haben Verfassungsschutz und Staatsschutz die Szene fest im Blick. «Wir beobachten sie auf vielfältige Weise», sagte er dem Sender WDR 5. Nicht der Koran sei das Problem, sondern die Absicht, mit dem Koran in der Hand extremistische Ideologien zu verbreiten. Er bekräftigte, dass das Grundgesetz die Religionsfreiheit schütze, nicht aber, wenn es um den Aufruf zur Gewalt oder die Anwendung von Gewalt gehe. «Vor allem: Wir müssen die Jugendlichen davor schützen, sie stark machen, dass sie auf solche Ideologen nicht hereinfallen.»

Die Organisatoren der Koran-Aktion «Lies!» zeigten sich laut «Welt» unbeeindruckt. Der Kölner Prediger und Projekt-Initiator Ibrahim Abou Nagie gebe sich kämpferisch. Seine Anhänger rief er demnach auf, durchzuhalten und weiter Korane zu verteilen.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Bundestag, Volker Beck, sagte im Deutschlandfunk: «Die wichtigste Prävention gegen diese Gruppe ist natürlich das Wort. (...) Da fordere ich sowohl die islamischen Verbände auf als auch die Moschee-Gemeinden vor Ort, in den nächsten Tagen auch vor dieser Gruppe zu warnen - und das in der Sprache der Moschee, so dass das von den Menschen auch entsprechend verstanden wird.»

Der integrationspolitische Sprecher der FDP, Serkan Tören, forderte die Ausweisung radikaler Islamisten. «Nichtdeutsche Salafisten, die gegen die Verfassung verstoßen, müssen ausgewiesen werden», sagte der Politiker, der selbst Muslim ist, der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Der kirchenpolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Josef Winkler, sagte der «Mainzer Allgemeinen Zeitung», die Koran-Verteilung sei eine Provokation. Die Salafisten wollten damit den Religionsfrieden stören.

Jäger im WDR

NRW-Verfassungsschutz zu Islamismus