Köln (SID) - Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat die eingefrorenen Dopingproben der Olympischen Spiele 2004 noch nicht nachgetestet und damit Kritik und Unverständnis ausgelöst. Arne Ljungqvist, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des IOC, bestätigte der ARD-Sportschau (Das Erste, Sonntag, 18.00 Uhr) und der WDR-Sendung sport inside (WDR Fernsehen, Montag, 22.45 Uhr): "Warum hätten wir das tun sollen? Auf was sollten wir denn nachtesten? Die Methoden damals waren gut genug. Wir haben keine Informationen, dass damals irgendwas genommen wurde, das wir nicht testen konnten."

Nach den IOC-Regeln sind Nachtests bis zu acht Jahre nach Austragung Olympischer Spiele erlaubt, um sie im Nachhinein mit neuen Nachweisverfahren erneut überprüfen zu können. Die insgesamt 3667 Athener Proben sollen somit nach den Spielen im Sommer in London vernichtet werden.

Die Tatenlosigkeit des IOC stößt bei David Howman, dem Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) auf Kritik. Der ARD sagte der Jurist aus Neuseeland: "Wir haben seit 2004 viel Geld in die Verbesserung der Tests gesteckt. Und zwar weil wir Dopingsubstanzen besser nachweisen wollen. Und heute sind die Tests viel besser. Wenn man die besseren Tests also auf die Proben von 2004 anwendet, dann ist doch klar, dass es wahrscheinlich ist, dass man bei Nachtests positive Fälle findet."

Dem stimmt Prof. Mario Thevis vom Kölner Doping-Kontrolllabor zu. "Es ist relativ wahrscheinlich, dass der ein oder andere Athlet heutzutage positiv getestet würde mit den Probenmaterialien, die von 2004 noch vorliegen", sagte der Wissenschaftler und verwies auf die verfeinerten Methoden: "Heutzutage können wir bei Nachanalysen in diesen Proben von damals mit deutlich verbesserten Methoden diese Medikamente oder Rückstände auffinden, was uns eine deutlich verbesserte Nachweisbarkeit beschert und dass Athleten, die damals nicht positiv getestet wurden, heute aufgezeigt werden können", erklärte Thevis bei sport inside im WDR.

Und weiter sagte er: "Sollte man die Proben aus Athen jetzt noch nachtesten, wäre das natürlich auch ein Zeichen, dass bis zur letzten Minute der Verfügbarkeit der Proben mit Ablauf der 8-Jahresfrist, Athleten tatsächlich noch des Dopings überführt werden können." Nachtests der Proben von 2006 (Turin) auf das Epo-Folgemittel Cera blieben ohne Ergebnis, sieben positive Befunde brachten neue Tests der Proben von Peking 2008.

Seit Athen wurden unter anderem die Nachweisverfahren auf das Blutdopingmittel Epo, das Wachstumshormon HGH und anabole Steroide verbessert. Auch könnten neue Tests auf Insulin angewendet werden. Ein Nachtest über das komplette Spektrum würde rund 300 Euro kosten. Dies würde bei 100 Nachtests auf Sportler in gezielt ausgesuchten Sportarten rund 90.000 Euro ausmachen.

Auch der ehemalige WADA-Präsident Richard Pound teilt die Kritik und will als IOC-Mitglied aktiv werden. "Ich werde mich dafür einsetzen, dass was passiert. Wir sollten jetzt die neuen Nachweistechniken nutzen. Da gibt es wahrscheinlich einiges zu finden. Selbst wenn nicht, sollten wir es als IOC trotzdem tun, sonst wäre das doch eine komplette Farce gewesen, dass wir das alles so lange gelagert haben", sagte Pound der ARD und fügte hinzu, das IOC solle alles für saubere Spiele tun.

Konfrontiert mit dieser Kritik räumte Ljungqvist ein, dass die endgültige Entscheidung über die Nachtests vor Sommer fallen müsse. "Vielleicht sind Nachtests ja doch eine gute Idee. Viel würden wir sicher nicht finden. Aber wir werden sehen", so Ljungqvist.

WADA-Generaldirektor Howman kündigte darüber hinaus an, auf der Exekutivsitzung der WADA am 18. Mai weitergehende, verbindliche Vorschriften für den Umgang mit Nachtests von Olympia-Dopingproben auf den Weg bringen zu wollen. "Wir brauchen ein System, das allen Verbänden sagt, wie nachzutesten ist. Vielleicht sollte man nach acht Jahren Lagerung alles testen, was möglich ist oder schon nach vier Jahren. Das sollten wir entscheiden", so Howman.