Oslo (dpa) - Am zweiten Tag des norwegischen Massenmord-Prozesses darf sich der Angeklagte Anders Behring Breivik heute selbst vor Gericht erklären. Der 33-jährige soll zu seinen Motiven für die Anschläge in Oslo und auf ein Jugendlager auf der Fjordinsel Utøya im vergangenen Sommer aussagen.

Nach Angaben seiner Verteidiger ist mit schockierenden Aussagen zu rechnen. Breivik tue es nach eigenen Worten leid, dass bei seinen Attentaten nicht noch mehr Menschen gestorben seien.

Breivik muss sich für den Tod von 77 Menschen verantworten. Der rechtsradikale Islamhasser ist wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes angeklagt. Breivik hat das Gericht gebeten, ein vorgeschriebenes Dokument verlesen zu dürfen. Die Entscheidung steht noch aus.

Mit grausamen Details hatte der Breivik-Prozess am Montag in Oslo begonnen. Der rechtsradikale Islamhasser plädierte auf «nicht schuldig» und sagte, er habe in Notwehr gehandelt.

«Ich gebe die Taten zu, bekenne mich aber nicht strafschuldig», sagte der Angeklagte. So oft wie möglich ergriff Breivik das Wort: Das Gericht erkenne er nicht an, weil es von Parteien eingesetzt sei, die den Multikulturalismus unterstützten, sagte er gleich zu Beginn. Außerdem sei die Richterin nicht unabhängig.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Norweger vor, im Juli 2011 im Osloer Regierungsviertel mit einer Autobombe acht Menschen getötet zu haben. Anschließend habe er auf der Insel Utøya gezielt 69 Teilnehmer eines Feriencamps für junge Sozialdemokraten umgebracht. Breivik ist wegen Terrorismus' und vorsätzlichen Mordes angeklagt.

Der deutsche Extremismusforscher Dierk Borstel hält Sorgen vor einer starken Propagandawirkung durch Breiviks Thesen in rechten Kreisen für übertrieben. Die Attentate und Pamphlete des Norwegers fänden in der rechten Szene Deutschlands nur begrenzten Widerhall, meint der Bielefelder Politologe.

«Für die meisten aus der Szene waren die 1500 Seiten von Breivik sicherlich zu viel», sagte Borstel über das Manifest, das der Norweger kurz vor der Tat ins Internet gestellt hatte. «Aber die Grundideen wie Überfremdung, weißes Europa, Pan-Europa oder Kampf gegen Muslime werden auch hier wahrgenommen. Im Kern ist es ein klassischer Rassismus.»

«Breivik wird in der Szene schon wahrgenommen, allerdings sehr unterschiedlich», sagte Borstel der Nachrichtenagentur dpa. «Wenn man sich die Internetforen anschaut, reicht das Spektrum von Zustimmung - nach dem Motto: Da hat endlich mal jemand angefangen, den Kampf ernst zu nehmen - bis zum Spott, dass er einfach nur ein Verrückter sei, der es auch noch auf norwegische, also weiße Kinder abgesehen habe.»

Allerdings sei zu befürchten, dass jetzt mancher prüfe, ob die Attentate vom 22. Juli 2011 ein Muster für eigene Taten sein könnten, sagte Borstel. «Hier sind wir dann beim Rechtsterrorismus und der Zwickauer Zelle.» Der Zwickauer Neonazi-Zelle werden Morde an neun Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft sowie an einer Polizistin vorgeworfen.