Washington/Brüssel (dpa) - Ein neuer Skandal erschüttert die US-Truppen in Afghanistan: Die «Los Angeles Times» veröffentlichte am Mittwoch Bilder, auf denen US-Soldaten mit blutigen Körperteilen toter Selbstmordattentäter posieren. Die Fotos sollen aus dem Jahr 2010 stammen.

Das Pentagon leitete eine Untersuchung ein. «Diese Bilder spiegeln in keiner Weise die Werte oder den Professionalismus der breiten Mehrheit der US-Truppen wider, die heute in Afghanistan dienen», erklärte US-Verteidigungsminister Leon Panetta.

Panetta nahm am Mittwoch zusammen mit Außenministerin Hillary Clinton an einer Nato-Konferenz in Brüssel teil, bei der die Bündnispartner ihre bisherige Strategie in Afghanistan bekräftigen wollen. Von der Ankündigung Australiens, ein Jahr früher als geplant abzuziehen, zeigten sich die Außen- und Verteidigungsminister unbeeindruckt. Der Zeitplan, nach dem der Kampfeinsatz Ende 2014 beendet werden soll, bleibe unverändert, sagte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière reagierte dagegen verärgert «Mein australischer Kollege hat im Februar anders vorgetragen. Aber das kann uns nicht in unserer Strategie beirren, bis Ende 2014 den Abzug zu organisieren», sagte er.

Die Nato-Minister berieten am Nachmittag über den Afghanistan-Einsatz, der nun schon durch den vierten Skandal bei den US-Truppen innerhalb von vier Monaten belastet wird. Im Januar tauchte ein Video auf, auf dem amerikanische Soldaten auf tote Taliban-Kämpfer urinierten. Im Februar wurden auf einer US-Basis Koranexemplare verbrannt. Ein US-Soldat ist derzeit angeklagt, bei einem Massaker im März 17 afghanische Zivilisten ermordet zu haben. Und jetzt die Skandal-Bilder in der «Los Angeles Times».

Auf einem der Fotos ist ein lächelnder junger US-Soldat zu sehen, hinter dem ein toter Aufständischer mit geöffneten Augen liegt, den ein zweiter Soldat zu halten scheint. Die Zeitung schreibt, auf einem weiteren Bild - das im Internet nicht zu sehen war - würden zwei Soldaten die Hand eines Toten halten, deren Mittelfinger ausgestreckt sei. Neben der Leiche liege ein inoffizieller Aufnäher der Einheit, auf dem «Zombie Hunter» (Zombie-Jäger) aufgedruckt sei.

Die Zeitung erhielt die Fotos nach eigenen Angaben von einem US-Soldaten, der anonym bleiben und eine Wiederholung derartiger Vorfälle verhindern wolle. Nach Angaben dieses Soldaten zeugten die Fotos von einem «Verfall der Führung und Disziplin», der die Sicherheit der Truppen gefährden könne.

Die «Los Angeles Times» schrieb, die US-Armee habe die Zeitung darum gebeten, die Fotos nicht zu veröffentlichen. Man habe sich aber nach vorsichtiger Abwägung dazu entschieden, eine kleine Auswahl zu veröffentlichen, um unabhängig und unparteiisch über «alle Aspekte der amerikanischen Mission in Afghanistan» zu berichten.

Der Kommandeur der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf, US-General John Allen, und der US-Botschafter in Kabul, Ryan Crocker, verurteilten den jüngsten Vorfall am Mittwoch. In einer Mitteilung Allens hieß es: «Die Handlungen der fotografierten Personen vertreten nicht die Politik der Isaf oder der US-Armee.» Nach Isaf-Vorgaben müsse mit sterblichen Überresten von Feinden «so menschenwürdig wie möglich» umgegangen werden. Crocker teilte mit, solche Taten «entehren die Opfer von Hunderttausenden US-Soldaten und Zivilisten», die in Afghanistan gedient hätten.

Bericht der Los Angeles Times

Pentagon-Mitteilung

Allen-Mitteilung