Sakhir (dpa) - Befreit von einer großen Last verließ Sebastian Vettel noch in der Nacht zum Montag eilig den Brennpunkt Bahrain. Nicht nur die Rückkehr zu alter Stärke im Titelrennen der Formel 1 erleichterte den Sakhir-Sieger, sondern auch die Vorfreude auf etwas Ruhe in der Schweizer Wahlheimat.

«Es war für alle nicht einfach», gestand Vettel und meinte zum Abschied aus dem von Unruhen erschütterten Königreich und heftig umstrittenen F1-Gastspiel in der Wüste: «Jetzt hoffen wir, dass wir friedlich nach Hause kommen.»

Den politischen Konflikt und den sportpolitischen Skandal von Bahrain will das Hochgeschwindigkeitsgeschäft nun möglichst schnell hinter sich lassen. Immer wieder verwiesen Fahrer und Teamchefs auch deshalb auf das sportliche Spektakel der ersten vier Rennen. «Bisher herrscht in dieser Saison ein Durcheinander», urteilte Nico Rosberg. Der Mercedes-Pilot ist einer von vier verschiedenen Rennsiegern - aus vier verschiedenen Teams. So etwas gab es zuletzt 1983. «Man weiß überhaupt nicht, wer im Rennen schnell ist», bekannte Rosberg.

Passend dazu verbannte Titelverteidiger Vettel dann doch verblüffend schnell die aufkeimende Angst bei Red Bull vor einer Frustsaison und rauschte an seinen Hauptrivalen vorbei an die WM-Spitze. Die internationalen Medien bewerten den Coup des Champions mehrheitlich als Rückkehr zur alten Dominanz. «König Seb ist zurück», titelte die italienische «La Gazzetta dello Sport». Der brasilianische «O Globo» urteilte: «Die Leistung von Vettel erinnert an die Hegemonie, die er und sein RBR-Team im vorigen Jahr zeigten.» Und für Spaniens «El Pais» steht fest: «Vettel reagierte im Stil eines Champions. Mit seinem Sieg übernahm Red Bull wieder das Szepter in der Formel 1.»

Vettel sieht die Situation nüchterner. «Es ist eine sehr enge Saison, die Autos liegen sehr eng beieinander. Kleine Dinge können viel ausmachen», erklärte der Hesse. Viele Überstunden hatten Mechaniker und Ingenieure bei Red Bull investiert, um den zickigen RB8 mit dem Kosenamen «Abbey» in ein Super-Modell zu verwandeln. «Ein paar Handgriffe hier und da», untertrieb Vettel und warnte: «Ich bin immer noch nicht ganz sicher, wie konkurrenzfähig wir wirklich sind.»

Damit ist der Doppel-Champion nicht allein. McLaren und Mercedes wähnten sich im Vorfeld als mögliche Bahrain-Sieger, stattdessen düpierte das Lotus-Duo Kimi Räikkönen und Romain Grosjean mit seiner Fahrt aufs Podium fast alle Favoriten. «Die Saison 2012 wird immer spannender und unvorhersehbarer», resümierte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh. Und sein Starpilot Lewis Hamilton mahnte nach dem Verlust der WM-Führung: «Es ist klar, dass wir zwei Dinge tun müssen: Das Auto schneller machen und unsere Boxenstopps verbessern.»

Die Hackordnung ist vor dem Beginn der Europa-Saison in Barcelona am 13. Mai unklarer denn je, zumal nun offenbar auch Lotus als fünftes Team ein ernsthafter Sieganwärter ist. «Ich bin sicher, dass wir öfter da oben dabei sein können», beteuerte der finnische Formel-1-Rückkehrer Räikkönen nach Platz zwei. «Wir haben gerade erst angefangen», betitelte das Team seine Bahrain-Bilanzmitteilung.

Angesichts der vor allem von den sensiblen Reifen bewirkten Turbulenzen ist eine neuerliche Dominanz eines Fahrers, wie sie im Vorjahr Vettel besaß, nicht in Sicht. Das hilft auch Ferrari-Mann Fernando Alonso, der trotz des missglückten F2012 als WM-Fünfter nur zehn Punkte hinter Spitzenreiter Vettel liegt. «Eigentlich komplett undenkbar. Das ist wie ein Geschenk», sagte der Spanier. Zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres hatte Vettel nach drei Siegen und einem zweiten Platz 34 Zähler Vorsprung auf den ersten Verfolger.

Die nächste Entwicklungsstufe zünden die Teams schon in der kommenden Woche bei den dreitägigen Tests im italienischen Mugello. Zum ersten Mal seit 2008 gibt es wieder Probefahrten während der Saison. Vettel aber mag noch nicht an die kommenden Etappen denken. «Im Moment bin ich einfach glücklich, egal, was im nächsten Rennen passiert», verriet der Heppenheimer.

Vettels Bahrain-Bilanz