Hagen (dpa) - Der Bundestrainer schaute zunächst ein wenig ungläubig. Am Donnerstag um kurz nach zwölf Uhr wurde auch Jonny Hilberath davon überrascht, dass Matthias Rath das Comeback von Totilas um einen Tag verschoben hat.

«Davon weiß ich noch gar nichts», sagte der verblüffte Coach der deutschen Dressur-Nationalmannschaft. Beim Training am frühen Morgen hatte der Reiter dem neuen Bundestrainer nichts von diesem unerwarteten Sinneswandel erzählt.

Totilas gibt Rätsel auf - das galt bisher wegen der enttäuschenden EM-Auftritte, der verletzungsbedingten Turnierabsagen und des verunglückten Schauauftritts im Februar. Rath gibt Rätsel auf - das gilt spätestens seit Donnerstag. Denn der zuvor nicht abgesprochene Terminwechsel ist auch mit Blick auf die Olympischen Spiele schwer verständlich.

Rath wird nun nicht wie angekündigt an diesem Freitag seinen ersten Wettkampf nach achtmonatiger Pause bestreiten, sondern erst am Samstag beim Reitturnier in Hagen antreten. Der 27-Jährige wird damit - und das ist das entscheidende - bei der zweiten Prüfung am Sonntag nicht den Grand Prix Special reiten, der in London für die Teamwertung zählt. Stattdessen tritt er mit Totilas in der Kür an, mit der in London die Einzelwertung entschieden wird.

Der Sinneswandel ist auch deshalb unerwartet, weil Rath selber noch am Montag erklärt hatte, wegen der Bedeutung in London die sogenannte Special-Tour reiten zu wollen: «Der Special gehört auch zur Mannschaftswertung bei den Olympischen Spielen. Die Kür können wir auch noch später bei einem anderen Turnier reiten.» Nun scheint das nicht mehr zu zählen.

«Ich habe mit Herrn Rath nicht darüber gesprochen», berichtete der Nationalcoach von Matthias Raths Trainingseinheit am frühen Morgen, als er mit dessen Vater und Trainer Klaus-Martin Rath am Rande des Abreiteplatzes stand und redete. «Wir haben nur über die Arbeit auf dem Platz gesprochen.»

Hilberath versuchte, seine Verwunderung über die Änderung möglichst wenig nach außen dringen zu lassen, und sagte diplomatisch: «Wichtig ist erstmal, dass er hier überhaupt reitet. Und wichtig ist, dass er nach der langen Pause erstmal einen Grand Prix reitet.»

Ist Rath vielleicht mit seinem Wechsel den stärker eingeschätzten Paaren in der Special-Tour aus dem Weg gegangen? «Das kann eine Überlegung sein», sagte der ratlos wirkende Bundestrainer. «Ich weiß nicht, was die Beweggründe sind», kommentierte Klaus Roeser, der Vorsitzende des Dressur-Ausschusses. «Grundsätzlich ist es jedem selber überlassen, welche Prüfungen er reitet. Wir machen da keine Vorgaben, das liegt in den Händen der Trainer und der Reiter.» Verwundert wirke aber auch der Vorsitzende jenes Gremiums, dass über die Olympia-Starter entscheidet.

Rath hat seit der Europameisterschaft im August vergangenen Jahres in Rotterdam, wo das Paar eine Einzelmedaille verpasste, keinen Wettkampf mit dem teuersten Dressurpferd der Welt bestritten. Wegen Verletzungen waren Turnierstarts im Dezember und im Januar abgesagt worden. Entsprechend groß ist die Spannung vor dem Comeback.