Dortmund (dpa) - Als die umjubelten Double-Sieger aus Dortmund in ihren Partymarathon starteten, war ein Großteil des Bayern-Teams schon auf dem Weg ins Bett. In der ehemaligen Berliner Techno-Disco «ewerk» bereiteten 800 geladene Gäste den BVB-Profis um 1.30 Uhr einen stürmischen Empfang.

Beseelt vom Blick auf die Meisterschale und den DFB-Pokal, konnte sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke eine kurze Bemerkung zur wochenlangen Diskussion über die derzeitige Vorherrschaft im deutschen Fußball nicht verkneifen: «Ich habe gelesen, die Münchner wollten heute zeigen, wo der Hammer hängt. Ich kann nur sagen: Der Hammer hängt in Dortmund.»

Dort gab es durch Hunderttausende einen triumphalen Empfang. Um 18.09 Uhr setzte sich der Autokorso mit dem schwarz-gelben BVB-Truck in Bewegung. Gleich zum Auftakt erlebten die Spieler eine Überraschung. Offensichtlich ein Schalke-Fan in Königsblau gratulierte dem BVB auf einem Plakat: «BVB - Wahnsinn. Herzlichen Glückwunsch!»

Zuvor war der Borussen-Tross am Nachmittag auf dem Dortmunder Flughafen von 400 geladenen Gästen empfangen worden. Bereits zum zweiten Mal nach der Meisterschaft 2011 trug sich das Team in das Goldene Buch der Stadt ein und reiste dann weiter zur Titelfeier in die City. Der Korso kam kaum voran: Für den ersten Kilometer benötigte der Meister- und Pokalsiegertruck im schwarz-gelben Fahnenmeer über eine halbe Stunde.

In Berlin fiel die Ansprache von Karl-Heinz Rummenigge beim Bankett seiner Bayern ungleich nüchterner aus als die von BVB-Boss Watzke. «Wenn man 2:5 verliert, ist das kein Zufall, dann ist das auch nicht Pech, sondern - man muss es klar und deutlich sagen - eine Blamage», klagte der Vorstandschef in seiner Rede.

Und er musste sich sorgen, dass das Team mit einer ähnlich schwachen Vorstellung am Samstag im Heimfinale der Champions League gegen den FC Chelsea den nächsten Titel verspielt. «Ich hoffe, dass wir aus dem heutigen Spiel die richtigen Lehren ziehen und dann am Samstag einen Abend erleben, an dem wir nach dem Abpfiff glücklicher, zufriedener und auch stolzer sind.»

Wie schon bei der Meisterparty vor drei Wochen erwiesen sich die BVB-Musterprofis als echte Feier-Biester. Zusammen mit seinem Vater sang der in Dortmund geborene Kevin Großkreutz noch um 7 Uhr morgens inbrünstig Vereinslieder. Und beim Landeanflug am Nachmittag auf den Dortmunder Flughafen tönten die «Toten Hosen» aus den Lautsprechern des Fliegers. Beim Eintrag in das Goldene Buch der Stadt sagte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau den BVB-Profis: «Ihr werdet als Goldene Generation in die Geschichte des Fußballs eingehen.»

Wie moderner und erfolgreicher Fußball gespielt wird, bekamen die Bayern in einer bitteren Lehrstunde zu spüren. Nach dem Triumph in der Bundesliga demonstrierte der Meister der Superlative auch im torreichsten Pokalfinale seit 26 Jahren seine Ausnahmestellung. Beim 5:2 (3:1) wurde der Rekordchampion nicht nur besiegt, sondern gedemütigt. Stolz, berauscht und glückselig sang BVB-Trainer Jürgen Klopp ein Loblied auf seine Profis: «Das ist der außergewöhnlichste Moment in unserer Geschichte. Was die Mannschaft heute geleistet hat, ist nicht in Worte zu fassen. Sie hat perfekte Maßnahmen ergriffen.»

Angeführt vom dreifachen Torschützen Robert Lewandowski (45.+1/58./81. Minute) und dessen kongenialem Offensivpartner Shinji Kagawa (3.) deckte die Borussia die Schwächen des Gegners schonungslos auf und gab ihm zum fünften Mal in Serie das Nachsehen. Zum Verdruss der Bayern ging sie diesmal nicht fahrlässig mit ihren Chancen um, sondern verblüffte mit Effektivität. «Man konnte meinen, wir hätten vier Jahre lang nur trainiert, wie wir heute jeden Ball reinschießen», kommentierte Klopp die sehenswerte Show, bei der auch Mats Hummels (41./Foulelfmeter) traf.

Doch die wohl beste Mannschaft in der Vereinshistorie wird es in der kommenden Saison in dieser Form wohl nicht mehr geben. Sir Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, überzeugte sich auf der Tribüne von den Qualitäten des brillanten Kagawa. Nach seiner neuerlichen Gala dürfte der von mehreren Premier-League-Clubs umworbene Japaner von den Dortmundern kaum zu halten sein. Auch im beschwingten Zustand zu später Stunde verweigerte er nahe der Tanzfläche eine Aussage zu seiner Zukunft: «Ich muss mir das noch gut überlegen.»

Für die Münchner kam das bittere Erlebnis zur Unzeit. Schließlich bleibt nur eine Woche Zeit, um sich bis zum «Finale dahoam» von diesem Alptraum zu erholen. Bundestrainer Joachim Löw sprach den wankenden Finalisten Mut zu: «Ich bin mir sicher, dass die Bayern eine Riesenreaktion zeigen und die Saison mit einem Titel abschließen.»

Die Vorstellung von Berlin verheißt jedoch wenig Gutes. Anders als zuletzt in der Meisterschaft, wo es die wenigsten Gegentore der Liga gab, offenbarte die Defensive bedenkliche Schwächen. Zu allem Überfluss mussten die Münchner auch noch die höhnischen «Schießbuden»-Sprechchöre der BVB-Fans ertragen.

Von einem ermutigenden Signal für den Showdown in der europäischen Königsklasse konnte für das Team um die Torschützen Franck Ribéry und Arjen Robben wahrlich keine Rede sei. Ein Blick in das Gesicht von Jupp Heynckes sagte alles. «Wir haben defensiv eine katastrophale Leistung gebracht», konstatierte der Bayern-Coach, der als Trainer den Pokal noch nie gewinnen konnte, «das darf uns in der nächsten Woche nicht passieren.»