Porto Cervo (dpa) - Der Schweiß fließt in Strömen, aber nicht vom Sonnenbaden. Auch ohne Nachzügler Joachim Löw hat das arg dezimierte deutsche EM-Personal die Turnier-Vorbereitung auf Sardinien mit einem anstrengenden Programm begonnen.

Gleich zwei Trainingseinheiten im Stadion und intensive Fitness-Stunden im Teamhotel standen am Wochenende bei schönstem Sommerwetter für die nur elf Spieler an der Costa Smeralda auf dem Plan. «Die Bedingungen sind sehr gut. Die Spieler, die da sind, arbeiten sehr intensiv. Es ist ein guter Beginn», erklärte Bundestrainer Löw trotz einer Personallage, die so ursprünglich nicht eingeplant gewesen war. «Natürlich hätten wir uns ein volles Hotel gewünscht», bestätigte Teammanager Oliver Bierhoff.

Die Frage nach dem Sinn des ersten von zwei Trainingscamps, die sich auch die Sportliche Leitung angesichts der nur tröpfchenweise eintreffenden Nationalspieler gestellt hat, ist inzwischen überholt. «Es ist wichtiger, die Spieler da zu haben, anstatt sie zehn oder 14 Tage draußen zu haben und nicht zu wissen, ob sie auch richtig trainieren», betonte Bierhoff. Zu Beginn der neuen Woche wird sich das Promihotel Romazzino füllen: Montag wird Miroslav Klose erwartet, am Dienstag die Fraktion der Dortmunder Double-Gewinner, die «zunächst ein bisschen Regeneration brauchen», meinte Löw, der am Sonntag in Porto Cervo das Kommando übernehmen wollte: «Dann werden wir in die richtige Arbeit reinkommen.»

Im Privatjet von Berlin, wo der DFB-Chefcoach am Vorabend den 5:2-Sieg von Meister Dortmund gegen den FC Bayern im Stadion verfolgt hatte, nach Olbia dürfte Löw nochmals über den irritierenden Auftritt seiner Münchner EM-Kandidaten gegrübelt haben. Chefantreiber Bastian Schweinsteiger ist noch immer weit weg von seiner Topform. Jérome Boateng packte wieder eine der von Löw ungeliebten Grätschen im Strafraum aus. Toni Kroos und Mario Gomez spielten ohne Ausstrahlung. Und auch Deutschlands Nummer 1, Manuel Neuer, leistete sich einen befremdlichen Aussetzer. Löw hob bei der Beurteilung des nationalen Cup-Finales das für ihn Positive hervor: «Es gab keine größeren Verletzungen, das ist für mich, für die Nationalmannschaft, für Deutschland gut», sagte er im ZDF-Interview.

Die Formentwicklung seiner Bayern-Spieler kann Löw erst zwei Wochen vor dem Turnierstart am 9. Juni gegen Portugal selbst mit beeinflussen, da die acht Münchner EM-Akteure erst am 25. Mai nach dem Champions-League-Finale und dem Freundschaftsspiel gegen Holland die Turniervorbereitung aufnehmen werden. Zuvor bleibt dem Bundestrainer nur Daumendrücken, dass dem Rekordmeister gegen den FC Chelsea der große Wurf gelingt. «Sie sollen ihre Saison abschließen in München und das dort gut zu Ende bringen. Dann werden sie zu uns kommen und sich schnell integrieren», bemerkte Löw.

Um die Sorgenkinder Lukas Podolski und Per Mertesacker kann sich der Trainerstab schon jetzt intensiv kümmern. Dem 95-maligen Nationalspieler Podolski steckt noch der Bundesliga-Abstieg mit seinem geliebten 1. FC Köln im Kopf. Abwehrchef Mertesacker muss nach einer Fuß-Operation und monatelanger Fußballpause die Turnierfitness für die Endrunde vom 8. Juni bis 1. Juli in Polen und der Ukraine erst noch nachweisen. «Ich glaube, er ist noch nicht ganz befreit. Man merkt ihm an, dass ihm der Abstieg noch nachhängt», hat Bierhoff bei Podolski beobachtet. «Für ihn ist wichtig, dass er seine Familie hier hat und er von Köln abschalten kann.»

Mertesacker sei «unglaublich heiß», stellte Bierhoff fest. «Er hat sich die EM in den Kopf gebrannt. Er hat sich vorgenommen, hier topfit zu sein.» Die Bedingungen für Mertesacker und seine Kollegen sind auf Sardinien optimal: Es gibt einen Freiluft-Fitnesspark im Luxushotel mit Blick aufs Meer, einen Trainingsplatz mit einem neuen Rasen, dazu Yoga-Stunden und viele anderen ablenkende Aktivitäten.

Schon die ersten Übungseinheiten im Stadion «Andrea Corda», an denen mangels Spielerpersonal sogar der frühere Topstürmer Bierhoff teilnahm, machten deutlich, wie akribisch der DFB-Stab ab sofort an der EM-Form der Spieler arbeitet. «Wir wollen eine gute Mischung aus fokussierter Arbeit auf dem Platz sowie im Fitnessbereich und der Erholung», erklärte Bierhoff. Am Sonntagnachmittag gab es das erste Mal frei.