Berlin (dpa) - Erich Kästner, Günter Grass, Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt - die Liste der Büchner-Preisträger ist lang und eindrucksvoll. Die neue Gewinnerin ist eine Klasse für sich.

Mit Felicitas Hoppe bekommt eine höchst ungewöhnliche Erzählerin den renommierten Georg-Büchner-Preis. Die Geschichten der 51 Jahre alten Berliner Schriftstellerin entführen den Leser in einen schwerelosen Mikrokosmos zwischen Traum und Realität, Wunsch und Wirklichkeit.

Die Autorin zeichne sich durch eine «lakonische und lyrische, eigensinnige und uneitle Prosa» aus, befand die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die am Dienstag in Darmstadt ihre Entscheidung für Hoppe bekanntgab.

Beim Lesepublikum hat die im Rattenfänger-Städtchen Hameln geborene Autorin noch nicht den großen Durchbruch erzielt, doch bei ihren Fans und Kritikern wird jedes Buch mit Sehnsucht erwartet. Der Literaturkritiker Denis Scheck («Druckfrisch», ARD) reagierte denn auch jubelnd auf die Nachricht: «Das ist ein Anlass für mich, vor Freude einen Flickflack zu schlagen. Das tut Hoppe mit ihrer Sprache auch», sagte der 47-Jährige am Dienstag in Köln.

Der Preisträgerin selbst verschlug es beinahe die Sprache. Sie hat seit ihrem ersten Kurzgeschichtenband «Picknick der Friseure» (1996) zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien erhalten, doch der Büchner-Preis gilt in Deutschland als Krönung. «Ich bin wirklich überrascht und auch ziemlich überwältigt», sagte Hoppe in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Ihren größten Erfolg hat die Autorin bisher mit ihrem jüngsten Buch gehabt, schlicht «Hoppe» genannt. Darin entwirft sie so kurzweilig wie ausufernd eine Wunschbiografie, die sie durch die halbe Welt bis ins Land ihrer Träume treibt. So skurril ihre Geschichten oft sind - die Anstöße dazu findet sie im wirklichen Leben. «Man muss eigentlich immer nur aufmerksam sein, dann begegnen einem unheimlich viele Dinge, aus denen man mit Hilfe der Fantasie etwas Neues macht», sagt sie.

Geschrieben hat sie schon als Kind, mit sieben entstand ihre erste Geschichte über einen Hasen. Auch die Eltern, obwohl keine Akademiker, waren sehr an Sprache und dem familiären Gespräch interessiert. «Das ist ein Talent, für das ich sehr dankbar bin.»

Nach dem Studium in Tübingen, den USA, Rom und Berlin arbeitete Hoppe zunächst als Sprachlehrerin beim Goethe-Institut und als Journalistin, ehe sie sich ganz auf das Schreiben verlegte. Weitere Werke waren etwa «Paradiese, Übersee», der Prosaband «Verbrecher und Versager» und der Roman «Johanna». Daneben gibt sie bei zahlreichen Gastdozenturen, zur Zeit in Hamburg, ihre Erfahrung auch an die jüngere Generation weiter.

Seit 26 Jahren lebt Hoppe in Berlin, inzwischen in einem Haus in Mitte, in dem einst auch der Büchner-Preisträger Erich Kästner wohnte. «Berlin ist mein Basisort, obwohl ich für die Stadt keine Liebe oder Leidenschaft spüre», sagt sie. Und auch dass sie allein ist, hat sich «einfach so» ergeben. «Ich bin ja keine Nonne, die für die Kunst zölibatär leben will. So eine Idee fände ich fürchterlich.»

Für die Zukunft hat Hoppe schon drei, vier neue Geschichten in der «Gärungsschleife», wie sie es nennt. Aber bis Mitte 2013 ist sie mit Lesereisen und Vorlesungen fast ausgebucht. Allerdings: Mit dem Preisgeld von 50 000 Euro, das bei der Vergabe am 27. Oktober in Darmstadt winkt, hat sie ja jetzt auch ein Polster. «Mein Traum ist ja immer noch eine Villa am Genfer See, aber dafür reicht's dann doch nicht.»

Infos zum Büchner-Preis