Tourrettes (dpa) - Aus Verlierern werden Hoffnungsträger. Nach den fünf krachenden EM-Warnschüssen der kleinen Schweiz startet Joachim Löw den EM-Countdown neu.

Der Bundestrainer muss mehr denn je auf die Frust-Bayern setzen und Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm & Co. unter extremem Zeitdruck fit machen für seine Titelmission.

«Einige Spieler haben gefehlt, die unsere Mannschaft prägen in ihrem Spiel», hob Löw nach der irritierenden 3:5-Pleite beim vorletzten Test exakt 14 Tage vor dem Turnierernstfall am 9. Juni gegen Portugal hervor. Der Chefcoach stellte die Uhr nach dem Betriebsunfall in Basel notgedrungen zurück auf null: «Jetzt beginnt die Vorbereitung auf die EM. Ich habe keine Bedenken, dass bei den Bayern etwas hängenbleibt vom verlorenen Champions-League-Finale.»

Löw war am Pfingstwochenende sogar die Lust auf einen Besuch des Formel-1-Spektakels in Monaco vergangen. Er blieb im Quartier in Tourrettes und arbeitete mit seinem Trainerstab das Fehlerfestival von Basel auf, das ihn trotz der harten Trainingsarbeit im Ausmaß erschreckt hatte. «Es war eine Phase, die gefährlich war», bemerkte Löw, der die Mängelliste schonungslos aufzeigte: «Die Frische fehlte, es gab Konzentrationsfehler, schlechtes Spiel ohne Ball, schlechte Defensivarbeit, Abstimmungsprobleme. Alles ist aufgedeckt worden.»

Und doch wollte der Chefcoach keinen EM-Alarm auslösen. «Viele Dinge haben nicht gepasst. Aber es macht mir keine großen Sorgen, weil ich weiß, dass wir uns in der nächsten und übernächsten Woche eindeutig verbessern werden. Wir werden schon richtig in die Spur kommen», übermittelte Löw an die beunruhigten Fußballfans daheim. Vom Turnieranspruch rückte der 52-Jährige trotz des Dämpfers nicht ab: «Wir sind eine Elitemannschaft mit großem Ziel.»

Es war ja nicht die EM-Elf, die gegen die Schweiz versagt hatte. «Wir spielen als Mannschaft seit Jahren zusammen, jetzt haben acht Bayern-Spieler gefehlt», gab Sami Khedira zu bedenken, der ebenso wie sein Real-Kollege Mesut Özil beim Warm-up meist im Leerlauf agierte.

Teammanager Oliver Bierhoff, der am Pfingstsonntag mit 25 Nationalspielern beim Großen Preis von Monaco Ablenkung suchte, betonte ebenfalls den Bayern-Faktor: «Natürlich erhöhen sie unsere Qualität noch einmal.» Trotzdem war der Manager über den Auftritt der Platzhalter verärgert und schimpfte: «Auch mit der Qualität, die in Basel auf dem Platz war, hätte so etwas nicht passieren dürfen.»

Besonders die Abwehr vor dem frustrierten Debütanten Marc-André ter Stegen («Ich bin sehr enttäuscht, auch von mir») war löchriger als jeder Schweizer Käse. Fünf Gegentore gab es letztmals in einem Länderspiel vor acht Jahren beim 1:5 in Rumänien; wenige Wochen später folgten bei der EM in Portugal der Vorrunden-K.o. und der sofortige Rücktritt des damaligen Teamchefs Rudi Völler. Löw nahm einzig und allein den 20 Jahre alten Gladbacher Schlussmann ter Stegen in Schutz: «Er muss den Kopf jetzt nicht hängen lassen.»

Ob er den Pechvogel in den endgültigen EM-Kader aufnehmen wird, mochte der Bundestrainer nicht verraten. Erst unmittelbar vor dem Meldeschluss an diesem Dienstag will Löw mit den drei Feldspielern und dem Torwart reden, «die nach Hause gehen». Womöglich waren die Trikotnummern in Basel verräterisch: Die 24 bis 27 trugen der Schalker Debütant Julian Draxler (Nummer 24), der Dortmunder Sven Bender (25), dessen Zwillingsbruder Lars (Leverkusen/26) sowie ter Stegen (27). «Das wird der Trainer entscheiden», sagte der Torwart.

Dreimal wurde ter Stegen vom künftigen Hoffenheimer Eren Derdiyok bezwungen, dazu von Stephan Lichtsteiner und Admir Mehmedi. Mats Hummels und Marco Reus durften sich über ihre ersten Länderspieltore freuen. Dazu betrieb Andre Schürrle Schadensbegrenzung. «Wir haben die Schweiz eingeladen. Daraus werden wir Lehren ziehen», versicherte Khedira.

Bei der Suche nach der EM-Formation kam Löw nicht weiter, Basel warf ihn sogar zurück. Abwehrchef Per Mertesacker und Torjäger Miroslav Klose sind nach ihren langen Verletzungspausen ebenso wie das Dortmunder Supertalent Mario Götze noch weit entfernt von der nötigen Turnierform. «In machen Situationen hat man logischerweise gespürt, dass es im Wettkampf ein bisschen anders aussieht als in den Trainingseinheiten», räumte der Bundestrainer ein. «Wir müssen die wichtigen Erkenntnisse schnell ummünzen. Viel Zeit ist nicht mehr da», sagte Mertesacker. Er dachte dabei nicht nur an sich selbst.