Berlin (dpa) - Auch nach fünf Jahren ist die Fusion der Linken in Deutschland laut Bundestagfraktionschef Gregor Gysi noch nicht geglückt. «Die Vereinigung ist bisher nicht gelungen», sagte Gysi in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Allerdings sieht er in der neuen Doppelspitze von Katja Kipping aus Sachsen und Bernd Riexinger aus Baden-Württemberg die Chance, den derzeitigen Tiefpunkt der Partei mit Umfragewerten von bundesweit unter fünf Prozent zu überwinden. Die Offenheit auf dem Parteitag in Göttingen vor einer Woche könne eine «eine faire Vereinigung» jetzt möglich machen. Er mahnte aber zur Eile: «Wir haben alles, aber wenig Zeit. Es muss jetzt ruck-zuck gehen.»

Mit dem Mitbegründer der Linken, Oskar Lafontaine, will sich Gysi an diesem Donnerstag in Berlin zu einem Klärungsgespräch treffen. Sein Verhältnis zu Lafontaine gilt als beschädigt, weil dieser für seine Kandidatur zum Parteivorsitz den Ausschluss einer Gegenkandidatur in Göttingen verlangt hatte und auch auf einen Kompromissvorschlag von Gysi nicht eingegangen war. Vor allem ostdeutsche Mitglieder fühlten sich an SED-Zeiten erinnert.

An die von ihm geführten Bundestagsabgeordneten richtete Gysi den eindringlichen Appell, sich auf ihren politischen Auftrag zu besinnen statt sich zu bekriegen. «Die Abgeordneten werden nicht dafür bezahlt, irgendwelche konträren Standpunkte untereinander auszutragen, sondern dafür, dass sie die Interessen der Bürgerinnen und Bürger vertreten», sagte Gysi. Er kommt an diesem Dienstag erstmals nach dem Parteitag wieder mit der Fraktion zusammen. In Göttingen hatte er von Hass und Arroganz in den eigenen Reihen gesprochen.

Als große Chance für die Partei sieht Gysi die Zusammensetzung des neuen Vorstands, der einen besseren Ausgleich zwischen den Flügeln und Strömungen ermögliche. Und er setzt auf eine neue Offenheit aus dem Westen. «Mir haben vor allem zwei Sätze von Bernd Riexinger gefallen: Er sagte, bei ihm werde nicht durchgestellt, sondern geredet, und dass er vor der Leistung der sechs ostdeutschen Landesvorsitzenden höchsten Respekt habe und ihnen zuhören wolle. Mein Gott, es war so hohe Zeit, dass das mal gesagt wurde.»