Danzig (SID) - Giftpfeile aus dem eigenen Klub, Rückendeckung von höchster Stelle und breite Unterstützung der deutschen Fußball-Prominenz: Mario Gomez musste zwei Tage vor dem EM-Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft in Charkow gegen Erzrivale Niederlande (20.45 Uhr/ZDF) durch ein Wechselbad der Gefühle. Der Angreifer von Bayern München meisterte die Situation mit einem Lächeln - und beißender Ironie gegenüber Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl.

In seiner Rolle als ARD-Experte hatte Scholl (41), ab kommender Saison wieder Trainer der 2. Mannschaft des FC Bayern, den Schützen des Siegtreffers beim 1:0 gegen Portugal harsch kritisiert. "Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wundgelegen hat, dass man ihn wenden muss", lästerte Scholl und warf Gomez zudem vor, er tue zu wenig für die Mannschaft: "Ich habe ihn schon mal mehr laufen sehen, aber selten weniger."

Dem widersprach Joachim Löw am Montag energisch. "Mario hat gut gearbeitet, defensiv gegen Pepe gut gestanden und das entscheidene Tor gemacht. Das war eine ansprechende Leistung", sagte der Bundestrainer. Weitere Energie wollte er zu diesem Thema nicht verschwenden. Gomez selbst zeigte sich verwundert über die Kritik aus seinem Klub. "Ein Trainer aus meinem Verein, mia san mia, eine große Familie?", fragte er mit einem Hauch Sarkasmus, als er auf Scholl angesprochen wurde.

Verwundert war Gomez über die Aussagen des 36-maligen Nationalspielers aber offenbar nicht. "Mehmet und ich - das ist so eine Sache. Er hat mir schon mal gesagt, dass ich mein Potenzial nicht ausschöpfe und will das jetzt aus mir herauskitzeln. Er ist Trainer, man kann von Trainern viel lernen", sagte er süffisant.

Er werde seine Spielweise nicht ändern, sagte Gomez. "Ich glaube, ich bin in den letzten fünf, sechs Jahren der erfolgreichste deutsche Stürmer und habe nach Messi die meisten Tore in der Champions League geschossen, wo moderner Fußball gespielt wird." Scholl selbst war zu Wochenbeginn zurückgerudert. "Es mag der Eindruck entstanden sein, ich hätte was gegen Gomez. Aber das ist überhaupt nicht der Fall", sagte er der Bild-Zeitung: "Ich bin Fan dieser Mannschaft, und Gomez ist ein Teil von ihr."

Und seit vergangenen Samstag ist Gomez auch ein ganz entscheidender Faktor. "Das war gefühlsmäßig das schönste und wichtigste Tor für mich. Jeder weiß, dass die EM 2008 und die WM 2010 nicht die meine waren", sagte Gomez, der fest davon ausgeht, dass er auch gegen die Niederlande spielt. "Nein", antwortete er energisch auf die Frage, ob er einen Zweifel an einem Einsatz von Beginn am Mittwoch habe. Seinen langjährigen Konkurrenten Miroslav Klose lobte er im selben Atemzug in den höchsten Tönen. "Trotz dieses Konkurrenzkampfes werden wir uns menschlich immer gut verstehen", sagte Gomez.

Ob sein Verhältnis in der kommenden Saison zu seinen neuen Konkurrenten bei den Bayern ähnlich gut sein wird, stand nicht zur Debatte. Dass die Kritik von Scholl, ein Spezi von Bayern-Präsident Uli Hoeneß, nicht direkt von seinem Arbeitgeber gekontert wurde, sollte Gomez aber zu denken geben. Der deutsche Rekordmeister hat durch die Verpflichtung von Claudio Pizzaro Druck aufgebaut, zudem wird angeblich noch Edin Dzeko von Manchester City verpflichtet. Trotz seiner seiner tollen Trefferquote (26 Bundesliga/12 Champions League) hat der Gomez bei den Bayern offenbar keinen Stammplatz sicher.

Während die Münchner Führungsriege das Scharmützel ihrer Angestellten unkommentiert ließ, sprangen andere Gomez zur Seite. "Gomez ist ist ein Strafraumstürmer. Warum sollte man ihm diese Stärke nehmen?", fragte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus und Stuttgarts Sportdirektor Fredi Bobic sagte: "Gomez ist ein moderner und kompletter Stürmer." Auch Werder Bremens Sportchef Klaus Allofs, EM-Torschützenkönig von 1980, hält die Kritik für überzogen. "Er ist kein Spieler, der überall auf dem Platz zu finden ist. Das ist auch nicht seine Aufgabe. Er hat das entscheidende Tor gemacht."