Danzig (dpa) - Italien hat sich am eigenen Schopf aus dem Wettskandal-Sumpf gezogen. Von wegen Catenaccio! Mit mutigem Angriffsfußball gewinnt Italien bei der EM einen Punkt gegen Spanien und seine Fans zurück.

Die abgeschriebenen Italiener feiern Auferstehung. Vom grandiosen EM-Autakt gegen Spanien (1:1) berauscht, schenkte Kapitän Gianluigi Buffon Staatspräsident Giorgio Napolitano in der Kabine sein verschwitztes Trikot. Das 86-jährige Staatsoberhaupt gratulierte den Azzurri, bedankte sich und fragte schmunzelnd: «Darf ich es waschen lassen?».

«Bravi! In den schwierigsten Momenten holen wir das Beste aus uns heraus», lobte der Präsident die Spieler am Sonntag in Danzig und umarmte den Torwart. «Von diesem Italien habe ich geträumt», jubelte Buffon über das Remis in Gruppe C gegen den Titelverteidiger.

Mit Mut, Klasse und Teamgeist haben die Italiener den Wettskandal abgeschüttelt, die Tifosi versöhnt und den Grundstein zum Einzug ins Viertelfinale gelegt. «Das ist Italien!», meinte der erleichterte Fußball-Nationalcoach Cesare Prandelli.

«Sì Italia - Oh, wie bist du schön», titelte der «Corriere dello Sport» am Montag und die «Gazzetta dello Sport» gratulierte: «Bella Italia. So wollen wir dich sehen!»

Mit dem besten Spiel seit ihrem WM-Triumph 2006 meldete sich die Squadra Azzurra nach dem WM-Debakel in Südafrika und drei Niederlagen vor der EM in Folge im Kreis der Titelfavoriten zurück.

«Ein großartiges Spiel gegen eine große Mannschaft, das uns Selbstvertrauen gibt», meinte der brillante Regisseur Andrea Pirlo vor den kommenden Partien gegen Kroatien am Donnerstag und gegen Irland am Montag. «Gegen Kroatien wird die Qualifikation zu 80 Prozent entschieden», sagte Italiens Fußballverbandspräsident Giancarlo Abete am Montag.

Seinen Zauberpass verwandelte der frisch eingewechselte Antonio Di Natale in der 61. Minute zum 1:0 - Italiens erster Treffer nach 360 Minuten. «Mein schönstes Tor in der Nationalelf», sagte der beste Serie-A-Torjäger der letzten drei Jahre.

Für Italien war es Gold wert, für den Dribbelkünstler aus Udine Balsam auf eine nie verheilte Wunde. «Damit habe ich endlich meinen verschossenen Elfmeter im EM-Viertelfinale 2008 wieder gut gemacht», meinte der 34-jährige Oldie im Italo-Sturm.

In Wien hatten die Italiener damals 2:4 im Elfmeterschießen verloren. Neben Di Natale verschoss Daniele De Rossi. Bei der Neuauflage des Duells machte der blonde Römer in seiner ungewohnten Rolle als Abwehrchef diesmal alles richtig.

Mit seiner taktisch meisterhaft formierten Abwehr durchkreuzte er das sonst so gefährliche Kombinationsspiel der Spanier und leitete mit präzisen Pässen Italiens Angriffe vom eigenen Strafraum ein. «De Rossi ist eben grandissimo!», lobte Pirlo.

Neben De Rossi und Buffon war Pirlo der dritte Weltmeister von 2006 auf dem Platz. Die Helden von Berlin sind auch in Polen das Rückgrat einer runderneuerten Squadra Azzurra, mit der Prandelli rundum zufrieden war. «Vielleicht hätten wir nur den Vorsprung besser verteidigen müssen», räumte der Coach ein. Im Duell der beiden letzten Weltmeister glich Cesc Fàbregas (64.) für die Selección aus.

Die Italiener feierten das Unentschieden dennoch wie einen Sieg. Dass Präsident Napolitano zu Besuch kam, sei ein «Ehre» gewesen, meinte Buffon und betonte im Hinblick auf Italiens Finanzkrise stolz: «Wir haben unserem Land ein wichtiges Signal gegeben.» Die Azzurri haben ihre Krise überwunden - und das trotz eines Mario Balotelli.

Erst erbettelte sich der exzentrische Stürmer förmlich eine Gelbe Karte, dann vertändelte er eine Riesenchance, bevor ihn Prandelli vom Platz nahm. «Ich weiß nicht, was mit Balotelli los war. Er hätte an Cassano abgeben müssen. Aber es war keine Straf-Auswechslung», sagte Prandelli. De Rossi meinte mit typisch römischer Ironie: «Balotelli war gut - bis er eingeschlafen ist.»