Montréal (dpa) - Sebastian Vettel gönnte sich erstmal eine Abkühlung im Wasser der Regatta-Strecke von Olympia 1976. Von Ärger oder gar Frust nach dem deutlich verpassten ersten Sieg in Montréal und letztlich nur Rang vier war bei dem Doppelweltmeister nichts zu spüren.

«Alles in allem war es ein gutes Wochenende für uns», bilanzierte Vettel hingegen. Der Heppenheimer weiß, in der verrückten Formel-1-Saison 2012 mit mittlerweile sieben Siegern in sieben Rennen und zehn von insgesamt 24 Piloten auf dem Podest gilt das Motto: (Vorn) Dabei sein ist alles. «Beides», antwortete Vettel auf die Frage, ob Siege oder Punkte mitzunehmen in diesem Jahr wichtiger seien.

«Es ist einfach nicht so, dass es einen Dauersieger oder einen Dauerpodiumsbesucher gibt», urteilte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug, dessen Fahrer Michael Schumacher nach erneutem Ausfall und Nico Rosberg auf Rang sechs beim Großen Preis von Kanada sowohl vom Sieg als auch vom Podium weit entfernt waren.

An ein Ende der Formel Unberechenbar glaubt Saisonsieger Nummer sieben, Lewis Hamilton, auch nicht. «Ich denke, so wird es das ganze Jahr weitergehen», sagte der Brite, der mit seinem ersten Saisonerfolg das Gewinnerroulette weiter in Fahrt hielt. «Ich kann mich nicht erinnern, so etwas jemals gehört zu haben», meinte der McLaren-Pilot und Champion von 2008 zum Personalreigen auf dem Podest.

Der neue WM-Führende gestand: «Wir verstehen selbst nicht, warum manchmal Lotus schneller ist, als wir es sind, oder warum Mercedes mal schneller ist und warum ein anderes Mal wir die schnelleren sind.» Aber es sei großartig für die Fans anzusehen, betonte Hamilton, der nun selbst seinen Anteil an der längst denkwürdigen Saison hat. «Das Unglaubliche geschah, als Lewis Hamilton gestern beim Großen Preis von Kanada den Sieg einfuhr und die Formel 1 im Jahr 2012 ihre außerordentliche Reise in neues Gebiet fortsetzte», befand das britische Blatt «The Guardian».

Gleichwohl kommt ein Sieg des nunmehr sogar dreimaligen Kanada-Siegers auch nicht so überraschend. Titelverteidiger Vettel hatte den 27 Jahre alten Engländer schon vor dem in der Schlussphase hochspannenden Rennen auf dem Circuit Gilles Villeneuve als noch ausstehenden Gewinner genannt. Neben dem siebenmaligen Montréal-Gewinner und Weltmeister Schumacher übrigens, bei dem sich Teamchef Ross Brawn wegen des klemmenden Heckflügels und des vierten Ausfalls wegen eines Defekts sogar offiziell entschuldigte.

Während der deutsche Rekordweltmeister noch vor Rennende die Strecke verließ, bot Hamilton ein Jahr nach dem famosen Sieg seines Teamkollegen Jensen Button in Kanada ebenfalls eine exzellente Vorstellung. Der «glorreiche Siebte» («Times») schnappte sich im Auto die englische Fahne, und kaum aus dem McLaren gestiegen, gab's das Siegerküsschen von Wieder-Freundin Nicole Scherzinger. «Lewis war nach seinem Sieg beim Großen Preis von Kanada gestern Abend in siebten Himmel», kommentierte die Boulevard-Zeitung «The Sun».

Aber auch Vettel war alles andere als am Boden, obwohl Romain Grosjean im Lotus und Sergio Perez im Sauber sich als die eigentlichen Überraschungen beim Reifen- und Strategiepoker noch vor den Red-Bull-Star geschoben hatten. Mit Teamkollege Mark Webber, der in Montréal Siebter wurde, sprang der 24 Jahre alte Heppenheimer bei Temperaturen von fast 30 Grad zur Erfrischung ins Wasser neben dem Fahrerlager. Danach ging es gleich weiter mit dem Flieger nach New York, wo er am (heutigen) Montagabend bei Kult-Late-Night-Talker David Letterman im Sessel plaudern wollte.

Dass er seine 32. Pole nicht bis ins Ziel verteidigen konnte, dass Kanada für Vettel und Red Bull weiter ein siegloses Land bleiben und er in der WM-Wertung nun Dritter (85) hinter Hamilton (88 Punkte) und dem Kanada-Fünften Fernando Alonso (86) ist, wurmte ihn wohl auch wegen der äußerst geringen Rückstände nicht all zu sehr. Zumal die Gründe für Platz vier in Montréal offensichtlich waren, zumindest im Nachhinein. «Wir haben nicht damit gerechnet, dass die Reifen hinten raus so einstürzen.» Die Konsequenz: Vettel musste doch noch zu einem zweiten Stopp an die Box, Grosjean und Perez kamen mit nur einem aus. In zwei Wochen in Valencia geht es nun weiter. Wie? Das weiß keiner.