London (dpa) - Ob .google, .berlin oder .music: Die Internet- Verwaltung ICANN will neue Endungen für Web-Adressen zulassen. Am heutigen Mittwoch gibt sie in London bekannt, wer sich um eigene Top Level Domains beworben hat. Im Vorfeld hatte die Organisation von rund 2000 Anträgen gesprochen.

Bis die neuen Endungen online gehen, wird aber noch einige Zeit vergehen. Nach jahrelanger Diskussion plant die ICANN die bislang größte Ausweitung des Adressraums in der Geschichte des Internets. 2011 wurden nahezu beliebige Wörter als Top Level Domains (TLD) zugelassen, neben Städte- und Firmennamen auch generische Begriffe wie .auto oder .reise (gTLD). Im Januar begann die Bewerbungsphase. Derzeit gibt es neben den mehr als 200 länderspezifischen Endungen wie .de für Deutschland oder .us für die USA nur rund zwei Dutzend generische TLD, darunter .com, .info oder .edu.

Für viele Nutzer, Markeninhaber und Gewerbetreibende sind die Möglichkeiten für eine gute Präsenz im Netz inzwischen knapp geworden. Die Ausweitung auf TLDs wie .(markenname), .reise, .hotel oder .berlin soll den Gestaltungsrahmen deutlich erweitern. Die Einführung und Vergabe neuer TLDs regelt maßgeblich die ICANN, eine nicht-kommerzielle Organisation mit Sitz in Kalifornien.

Ab Juli prüft die ICANN die ersten Anträge. So dürfen die Bewerber keine Markenrechte verletzten und müssen bestimmte technische Anforderungen erfüllen. Ab Dezember will die Organisation erste Ergebnisse veröffentlichen. Da einige Endungen voraussichtlich heiß umkämpft sein werden, dürfte sich das Verfahren in einigen Fällen weiter hinziehen. Prof. Wolfgang Kleinwächter von der Universität Aarhus geht davon aus, dass spätestens Anfang 2014 die ersten Adressen mit den neuen Endungen ans Netz gehen.

Grundsätzlich kann jede Firma oder Institution eine Adressendung beantragen. Allerdings beträgt allein die Bewerbungsgebühr 185 000 Dollar (derzeit etwa 148 000 Euro), der Betrieb verschlingt noch höhere Summen. Damit beschränkt sich der Bewerberkreis von vornherein auf größere Unternehmen, Institutionen oder Verbände. Im Vorfeld hatte zum Beispiel Google bekanntgegeben, sich um 50 TLD zu bemühen, darunter .google und .youtube, aber auch .docs und .lol.

In Deutschland bewirbt sich zum Beispiel die Firma dotBERLIN mit Unterstützung des Senats um die Adressendung der Hauptstadt. Die Gründer begleiten außerdem mit ihrer Beratungsfirma Dotzon Unternehmen wie Volkswagen, die Stadt Wien oder den Handelsverbund Edeka beim Bewerbungsprozedere.

Die Ausweitung des Internet-Adressraums ist allerdings umstritten. Befürworter verweisen darauf, dass in einigen Adressräumen immer weniger griffige Adressen frei sind, etwa bei den .de-Endungen für deutsche Websites. Namen wie stadtplan.berlin sollen die Navigation künftig erleichtern; und die Marketingbranche hofft auf neue Vermarktungsmöglichkeiten. Wolfgang Kleinwächter, der bei der ICANN im Gremium für generische TLD sitzt, erhofft sich außerdem Innovationen: «Die neuen Adressen geben den Eigentümern viel mehr Spielraum und Rechte.»

Nach Ansicht der Internet-Expertin Jeanette Hofmann stehen mittlerweile aber kommerzielle Interessen im Vordergrund. «Anfangs ging es um mehr Vielfalt im Namensraum», sagte die Direktorin des Instituts für Internet und Gesellschaft in Berlin der Deutschen Presse-Agentur. Einige Bewerber hätten jedoch Hunderte Adressen beantragt. «Da stellt sich eine neue Industrie auf», bedauerte die Politikwissenschaftlerin.

Vor allem den Inhabern von Markenrechten könnte die neue Vielfalt Probleme bereiten. Zwar gibt es Möglichkeiten, eingetragene Namen zu schützen, der Aufwand dürfte mit der Zulassung Hunderter neuer Top Level Domains jedoch deutlich höher sein als im Moment. Unter anderem die US-Regierung hatte deswegen Bedenken gegenüber den ICANN-Plänen geäußert, sich aber nicht durchsetzen können. Experten wie die Internet-Expertin Esther Dyson befürchten, dass durch die Erweiterung eher Redundanzen entstehen, die das Internet unnötig unübersichtlicher machen als dass tatsächlich mehr Gestaltungsfreiheit ensteht.

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