Charkow (SID) - Die Freude über die drei Punkte wurde Joachim Löw noch mit einem edlen Tropfen versüßt. Dabei hatte der Bundestrainer vor dem EM-Auftakt gegen Portugal (1:0) gegen seine Mannschaft gewettet: Dagegen nämlich, dass die Nationalelf ein Tor nach einer Standardsituation erzielen würde. Löw behielt Recht, denn der Siegtreffer von Mario Gomez fiel nach einer Flanke von Sami Khedira. Assistent Hansi Flick musste seine Wettschuld einlösen.

Ob Löw mit seinem Co-Trainer auch vor dem zweiten Gruppenspiel gegen die Niederlande eine ähnliche Wette abgeschlossen hat, ist nicht bekannt. Tatsache ist aber, dass Löw ebenso wie sein Vorgänger und früherer Chef Jürgen Klinsmann den sogenannten Standards wie Ecken, Freistößen und Elfmetern nicht so einen hohen Stellenwert beimisst wie die meisten Vereinstrainer.

"Die Standardsituationen stehen nicht auf der ersten Seite meiner Liste, aber auch nicht ganz hinten", sagt Löw, der die Ausführung von Ecken und Freistößen immer wieder in die tägliche Arbeit einfließen lässt. Lässt es die Zeit zu, legen die Experten Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil, Toni Kroos oder Lukas Podolski auch mal eine Sonderschicht ein.

Dass in den ersten acht Gruppenspielen nur drei von 20 Treffern nach Standardsituationen fielen, spricht allerdings für Löws Einstellung. Dagegen spricht, dass rund einem Drittel aller Tore in den internationalen Top-Ligen und -Wettbewerben Standards vorausgehen.

"Die meisten Treffer fallen aus dem Spiel heraus, gerade bei der Nationalmannschaft", argumentiert Löw seit Jahren. In der Statistik liegt das DFB-Auswahl hinsichtlich des Abschlusses nach Freistößen oder Eckbällen weit unter dem Durchschnitt, wie die internen Aufzeichnungen belegen.

Dies zu ändern ist offensichtlich nicht das Ziel des Bundestrainers, der damit die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) selbst verbreitete Trainingslehre konterkariert. "Die WM in Südafrika hat den Eindruck erneut bestätigt: Die Möglichkeiten hinsichtlich Standardsituationen in Tornähe sind längst noch nicht ausgereizt. Immer noch werden viel zu selten Freistöße oder Eckbälle gefährlich vor das Tor gebracht und Treffer nach Standards erzielt", ist nach wie vor auf DFB.de zu lesen. 

Löw lässt das aber kalt. Dass Bayern München im Finale der Champions League gegen den FC Chelsea aus 20 Ecken und fast ebenso vielen Freistößen in Tornähe kein Kapital schlagen konnte, ist Wasser auf seine Mühlen. Dass Didier Drogba nach der einzigen Ecke für die Engländer mit seinem Ausgleich gegen eine unsortierte Bayern-Abwehr die Verlängerung erzwang, ist für den Bundestrainer nur bedingt ein Argument.

Für Löw zählen seit 2008 vor allem die Ergebnisse der UEFA-Analyse, wonach bei der EURO in der Schweiz und Österreich gerade mal fünf Tore nach Ecken und ein Treffer per direkt verwandeltem Freistoß erzielt wurden. Dieser Freistoß vom damaligen DFB-Kapitän Michael Ballack zum 1:0-Erfolg gegen Österreich war jedoch die deutsche Eintrittskarte ins Viertelfinale.

Deshalb räumt Flick im Gegensatz zu seinem Chef den Standards auch größere Bedeutung ein. "Bei einer Europameisterschaft agieren viele Mannschaften auf dem gleichen Niveau. Da ist es wichtig, dass du alle Facetten des Fußballspiels beherrscht", sagt Löws Assistent: "Unser Manko ist, dass wir bei Standards nicht so effektiv sind. Da bin ich mit Jogi nicht immer einer Meinung. Ich denke, wir müssen sie mehr trainieren, müssten mehr Dynamik reinbekommen. Jogi sieht das Ganze und hat andere Schwerpunkte."