Köln (SID) - Bewegung im Fall Erfurt: Die Nationale Anti Doping Agentur Deutschland (NADA) leitet in der bizarren Affäre um UV-bestrahltes Athletenblut ein erstes Sportschiedsgerichts-Verfahren für den Zeitraum vor 2011 ein.

"Nach sorgfältiger Prüfung der aktuell vorliegenden Hinweise ist nicht mehr auszuschließen, dass es sich bei der Anwendung der UV-Blutbehandlung auch vor 2011 um einen Dopingverstoß handelt", sagt die NADA-Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann. "Mit dem Verfahren wollen wir Rechtsklarheit auch für die Vorgänge schaffen, die zeitlich vor der Regelergänzung M2.3 durch die Welt Anti-Doping Agentur zum 1. Januar 2011 lagen", erklärt NADA-Vorstandsmitglied und -Chefjustiziar Dr. Lars Mortsiefer.

Für den Zeitraum ab 1. Januar 2011 liegt bereits ein entsprechender Schiedsspruch vor, der die Methode als verboten einordnet. Eisschnellläuferin Judith Hesse hatte sich vor dem Deutschen Sportschiedsgericht (DIS) mit der NADA geeinigt: Im konkreten Fall wurde kein Verschulden der Athletin gesehen, die ihren Fall selbst angezeigt hatte und vom Eisschnelllauf-Verbandsarzt zur Behandlung an den Olympiastützpunkt Erfurt überwiesen worden war. Der dort seit 15 Jahren tätige Mediziner Andreas Franke hatte die Behandlung vorgenommen. Gegen ihn läuft ein Ermittlungsverfahren der Erfurter Staatsanwaltschaft wegen Medikamentenmissbrauchs.

Die NADA prüft nun, ob bei weiteren Sportlern, deren Blut von dem Erfurter Mediziner mit der UV-Methode behandelt wurde, hinreichende Verdachtsmomente für die Eröffnung von Verfahren vorliegen - insbesondere vor dem Hintergrund der bevorstehenden Olympischen Spiele in London.

In ihrer Einschätzung stützt sich die NADA auch auf das von ihr in Auftrag gegebene Gutachten, das seit Montag offiziell vorliegt. In diesem kommt der medizinische und juristische Experte Heiko Striegel im Kern zu der Auffassung, dass die UV-Behandlung in den Jahren 2006 bis 2010 unter den Tatbestand M1.1 der jeweils aktuellen Verbotsliste der WADA fällt. Außerdem trägt die kürzlich korrigierte WADA-Beurteilung der UV-Blutbehandlung zu der Entscheidung der NADA bei, auch Verfahren für den Zeitraum vor 2011 anzustrengen.