Seraing (dpa) - Platten, Pech und Pannen für Tony Martin: Die 99. Tour de France hätte für den deutschen Hoffnungsträger nicht schlechter beginnen können.

Beim Prolog ließ ein defekter Reifen alle Träume vom Gelben Trikot platzen, auf der ersten Etappe zog sich der Zeitfahr-Weltmeister bei einem Sturz nach ersten Diagnosen eine Prellung am Bein und eine leichtere Handverletzung zu.

«Vielleicht ist es der Fluch des WM-Trikots», versuchte sein früherer Teamchef Rolf Aldag die Pechsträhne zu erklären. Den Tagessieg sicherte sich nach 198 Kilometern in Seraing Tour-Debütant Peter Sagan aus der Slowakei. Prologsieger Fabian Cancellara behauptete seinen Vorsprung an der Spitze des Gesamtklassements nach seinem zweiten Rang in Seraing.

Martin hatte schon zum Tour-Auftakt beim 6,4 Kilometer langen Prolog durch Lüttich alle Hoffnungen auf das erste Maillot Jaune seiner Karriere fahren lassen müssen. Eine kleine Glasscherbe hatte dem 27-Jährigen, der am Sonntag in Seraing Achter wurde, den Reifen des Hinterrades aufgeschlitzt und damit alle Chancen genommen. «Ich war nach einem Rennen noch nie so enttäuscht», meinte Martin, «jetzt ist der Traum von Gelb vorbei.»

Am Sonntag setzte sich sein Pech fort. Martin stürzte nach elf Kilometern und muss um selbstgesteckte Ziele bangen. Nach dem Missgeschick beim Prolog wollte er sich im ersten langen Zeitfahren der neunten Etappe in Besancon schadlos halten. «Da bin ich jetzt doppelt motiviert», hatte er vor seinem Sturz gesagt. Team-Ärzte und Physiotherapeuten haben jetzt alle Hände voll zu tun. «Erst nach dem Rennen wissen wir genau Bescheid über seinen Zustand», sagte Teamsprecher Alessandro Tegner.

Vor seiner Reifenpanne nach mehr als halber Strecke war Martin am Samstag gut unterwegs. Eine Zwischenrechnung im Begleitwagen hatte ergeben, dass er am Ende knapp vor Tagessieger Cancellara gelegen hätte. Alles graue Theorie. Der Olympiasieger aus der Schweiz markierte seinen fünften Prologsieg bei der Tour, zog mit Rekordhalter Bernard Hinault gleich und distanzierte den Tour-Favoriten Bradley Wiggins (Großbritannien) um sieben Sekunden. Martin verlor 23 Sekunden und landete auf Rang 45.

Millionen Zuschauer in Belgien verfolgten live das erste Tour-Wochenende. Unter ihnen waren auch viele aus Deutschland angereiste Fans. Auf der 1. Etappe hatte sich früh eine sechsköpfige Ausreißergruppe gebildet, die aber im Finale keine Rolle mehr spielte. Der Schlussanstieg im Ziel in Seraing war 2,4 Kilometer lang - das ideale Terrain für Sagan, der Cancellra, den Norweger Edvald Boasson-Hagen und den Lokalmatador Philippe Gilbert hinter sich ließ.

«Das ist ein großer Tag für mich, für meine Familie, meine kleine Tochter und meine schwangere Frau, die zu Hause geblieben sind. Mir ist ein großer Stein vom Herzen gefallen», sagte Cancellara, der beim Tour-Prolog 2004 in Lüttich sein erstes Gelbes Trikot geholt und rechtzeitig zur diesjährigen Frankreich-Rundfahrt einen komplizierten Schlüsselbeinbruch aus dem Frühjahr auskuriert hatte. Sein Sieg sorgte auch für ein wenig Ruhe im RadioShack-Nissan-Team, das in Frankreich wegen der Doping-Ermittlungen im Fall Armstrong ohne Manager Johan Bruyneel auskommen muss.