London (dpa) - Im Skandal um versuchte Zinsmanipulation bei der britischen Großbank Barclays hat Aufsichtsratschef Marcus Agius seinen Hut genommen. Es tue ihm aufrichtig Leid, dass Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre «im Stich gelassen» worden seien, erklärte Agius am Montag zu seinem Rücktritt.

Er werde so lange auf dem Posten bleiben, bis eine Nachfolgeregelung gefunden sei. Barclays kündigte zudem eine interne Untersuchung der Vorfälle an. Ein neuer Verhaltenskodex solle entwickelt werden.

«Die Ereignisse der letzten Woche haben inakzeptable Verhaltensstandards innerhalb der Bank offengelegt und Barclays Ruf einen schweren Schlag gegeben», erklärte Agius. «Als Aufsichtsratschef bin ich der ultimative Wächter über den Ruf der Bank.» Daher übernehme er die Verantwortung und werde gehen.

Nach Aufflammen des Skandals in der vergangenen Woche hatten Politiker und Bankenexperten einen Rücktritt von Barclays-Chef Bob Diamond gefordert. Dieser erklärte am Montag, Agius' Entscheidung verdiene «unser aller Respekt». Er hieß die Untersuchung der Geschäftspraktiken bei Barclays willkommen: «Ich werde sicherstellen, dass die Empfehlungen dieser Untersuchung umgesetzt werden - als Teil eines weitreichenderen Programmes zum Aufbau einer Kultur, auf die alle, die Anteil an Barclays haben, stolz sein können.»

Barclays hatte zugegeben, versucht zu haben, die Zinsen im Interbanken-Verkehr zu manipulieren. Deshalb muss die Bank an die Finanzaufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien sowie an das US-Justizministerium eine Rekordstrafe von 290 Millionen Pfund (rund 345 Mio Euro) zahlen.

Gegen mehrere Banken in Europa und den USA laufen ebenfalls Ermittlungen. Die Behörden hatten sowohl beim europäischen Zinssatz Euribor als auch beim Londoner Libor - den Zinssätzen, zu denen sich Banken untereinander Geld leihen - in den Jahren zwischen etwa 2005 und 2008 Unregelmäßigkeiten entdeckt. Der Satz beeinflusst auch Geschäfte im Derivatehandel, bei denen Billionen bewegt werden.

Die Barclays-interne Untersuchung soll sämtlichem Fehlverhalten, das seit Beginn der Finanzkrise aufgedeckt wurde, auf den Grund gehen. Am Ende werde ein öffentlicher Bericht und ein neuer, verpflichtender Verhaltenskodex stehen, hieß es von der Bank.

Am Wochenende hatte schon die Regierung angekündigt, den Fall genauer unter die Lupe nehmen zu wollen. An diesem Mittwoch muss Diamond vor einem parlamentarischen Ausschuss Rede und Antwort zum Liborsatz-Skandal stehen. Agius ist für Donnerstag geladen.

Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Ed Miliband, bezeichnete Agius Rücktritt als nicht ausreichend und forderte erneut Diamonds Rückzug. «Es muss umfassendere Veränderungen auf der Führungsebene geben», sagte Miliband dem Sender ITV. «Ich will strafrechtliche Sanktionen gegen die sehen, die das Gesetz gebrochen haben.» Am Sonntag war bekanntgeworden, dass die ebenfalls in den Skandal verwickelte Royal Bank of Scotland (RBS) bereits Ende 2011 vier Mitarbeiter deshalb entlassen haben soll. Die Bank bestätigte das nicht.

Barclays Mitteilung

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