Bagnères-de-Luchon (SID) - Am Tag als der Skandal um Fränk Schleck alles in den Hintergrund drängte, hat Titelverteidiger Cadel Evans nach einem deprimierenden Einbruch in den Pyrenäen keine Hoffnung mehr auf einen weiteren Tour-Gesamtsieg. Der Australier musste die Konkurrenz um den Führenden Bradley Wiggins entkräftet ziehen lassen, der Brite hat bei der 99. Tour de France nun den ersten Triumph seiner Karriere dicht vor Augen. Beim Etappensieg des französischen Ausreißerkönigs Thomas Voeckler distanzierte Wiggins den Gewinner des Vorjahres noch einmal um fast fünf Minuten.

Der 32-jährige Wiggins verteidigte auf der Königsetappe über zwei Berge der Ehrenkategorie und zwei der ersten Kategorie sein Gelbes Trikot wieder unter Mithilfe seines Edelhelfers Christopher Froome, der sich diesmal voll und ganz in den Dienst des Sky-Kapitäns stellte. Über die 197 km von Pau nach Bagnères-de-Luchon hatte Wiggins zumeist alles im Griff, lediglich ein Angriff des Italieners Vincenzo Nibali brachte ihn kurz ins Schwitzen.

Insgesamt waren Wiggins' Konkurrenten aber zu verhalten oder auch nicht fähig genug, um den Briten ernsthaft zu gefährden. Nibali und auch André Greipels Teamkollege Jürgen Van den Broeck (Belgien) waren nicht imstande, die Sky-Dominanz zu brechen.

Bereits beim vorletzten Anstieg auf den Col d'Aspin war Evans die Luft ausgegangen, der BMC-Kapitän war nicht mehr in der Lage, dem Tempo der Favoriten zu folgen. Dort machte vor allem das Team Liquigas um Nibali Druck, dicht gefolgt von Sky mit Wiggins und Froome. Der 35 Jahre alte Evans versuchte auf der Abfahrt wieder Boden gut zu machen, schaffte zwischenzeitlich wieder den Anschluss.

Doch hinauf zum Col de Peyresourde wurde er erneut abgehängt. Verzweifelt sah Evans seine Ambitionen in der Hitze der Pyrenäen verglühen. "Es war ein schlechter Tag. Er hat unter der Hitze gelitten", sagte Teamkollege Tejay van Garderen. Über acht Minuten liegt Evans nun hinter der Spitze, selbst das Podium in Paris scheint außer Reichweite.

Den Frust und die Enttäuschung über die Ereignisse in seinem Team RadioShack-Nissan, das von der positiven Dopingprobe Schlecks erschüttert worden war, steckte Altmeister Jens Voigt indes in eine seiner charakteristischen Attacken. Der 40-Jährige zählte zu einer Fluchtgruppe mit 38 Fahrern, die sich schon vor dem ersten Anstieg gebildet hatte und der auch der spätere Sieger angehörte. Auf dem Col du Tourmalet, über den Voigt im Vorjahr mit einem Kraftakt die Favoritengruppe auseinanderfuhr, war der gebürtige Grevesmühlener wieder prominent im Bild.

Vor dem Dach der Tour 2012 hatten sich jedoch die Franzosen Thomas Voeckler (Europcar) und Brice Feillu (Saur-Sojasun) von ihren Gefährten abgesetzt. Voeckler, der bereits das 10. Teilstück der Großen Schleife gewonnen hatte, dominierte die Hitzeschlacht in Südfrankreich, sammelte reihenweise Bergpunkte und sicherte sich letztlich auch das rot-weiß gepunktete Trikot. Voigt jagte dem Bretonen zwar hartnäckig hinterher, letztlich aber vergeblich. Voeckler schüttelte auch seinen Begleiter ab und holte den insgesamt vierten Tour-Tagessieg seiner Laufbahn. Voigt blieb nur ein ehrenvoller sechster Platz.

Am Donnerstag besteht auf der mit 143,5 km kürzesten Etappe der Tour 2012 eine letzte Chance, Wiggins in Bedrängnis zu bringen. Bei Gluthitze stehen fünf teils sehr schwere Anstiege bevor. Die Etappe endet mit der Bergankunft in Peyragudes und das Klassement wird dann womöglich schon finale Konturen haben.