Damaskus/Istanbul (dpa) - In Syrien droht eine humanitäre Katastrophe. Immer mehr Menschen fliehen vor blutigen Gefechten. Allein in Jordanien soll ein Zeltlager für 120 000 Flüchtlinge entstehen.

Regierungstruppen zwingen die Rebellen mit Kampfhubschraubern und Panzern in den zwei größten Metropolen Damaskus und Aleppo zum Rückzug. Beobachter fürchten einen langen blutigen Bürgerkrieg. Gleichzeitig wollen sich Angehörige von Machthaber Baschar al-Assad offenbar ins Ausland absetzen. In Berlin sollen Oppositionelle schon länger an Konzepten arbeiten, wie es nach Assad in Syrien weitergehen kann.

Wegen der eskalierenden Gewalt schloss die Türkei weitgehend ihre Grenze zu Syrien für den Personen- und Güterverkehr. Nur in Ausnahmefällen sei die Überquerung für bestimmte Personengruppen möglich, sagte der türkische Zoll- und Handelsminister Hayati Yazici vor Journalisten in Ankara. Als Grund nannte er Sicherheitsprobleme und heftiger werdende Kämpfe in Syrien. Für Flüchtlinge seien die Grenzen nach wie vor offen.

Allein am Dienstag kamen bei Kämpfen und Razzien der Regierungstruppen landesweit mehr als 160 Menschen ums Leben, teilten die syrischen Menschenrechtsbeobachter in London mit.

Die Zahl der syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern steigt dramatisch. Mehr als 120 000 sind laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Jordanien, im Libanon, in der Türkei und im Irak registriert. Zusätzlich gebe es eine große Dunkelziffer von nicht registrierten Flüchtlingen. Viele seien auf humanitäre Hilfe und auf Spenden angewiesen. Drei Viertel von ihnen seien Frauen und Kinder. Die Bundesregierung stellt Millionen bereit, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Auch Schiffe der Bundeswehr könnten zum Einsatz kommen.

Syriens Nachbarland Jordanien, wo sich derzeit täglich 1000 Syrer in Sicherheit bringen, richtet eine Zeltstadt für 130 000 Bewohner in der Nähe der Grenzstadt Mafrak ein. Die ersten Unterkünfte für 10 000 Menschen sollen am kommenden Montag zur Verfügung stehen.

In Syrien gehen die Gefechte unvermindert weiter. Ein Schwerpunkt ist die historische Metropole Aleppo, deren Altstadt zum Weltkulturerbe gehört. Mindestens 2000 syrische Soldaten wurden Rebellenangaben zufolge nach Aleppo in Marsch gesetzt. 500 von ihnen seien dafür aus der nördlichen Unruheprovinz Idlib abgezogen worden. In Damaskus beschossen Kampfhubschrauber das südliche Viertel Al-Hadschar al-Aswad, wie Aktivisten berichteten.

Die Christen in Syrien seien in ernster Gefahr, sagte der aus Italien stammende Jesuitenpater Paolo Dall'Oglio in Washington. 30 Jahre hatte Dall'Oglio in Syrien gelebt und gearbeitet, bevor er vergangenen Monat aus dem Land vertrieben wurde. «Die Christen haben nun Angst», sagte Dall'Oglio bei einer Podiumsdiskussion. Sie wüssten nicht, wem sie noch vertrauen könnten.

Das Assad-Regime versuche seit Jahren, die Christen an sich zu binden. Dabei schüre es vor allem die Angst vor Islamisten. Gleichzeitig aber griffen Assads Truppen christliche Gemeinden an, etwa in Homs. Kirchen seien zerstört und rund 150 000 Christen vertrieben worden, sagte Dall'Oglio. Wie stark die Loyalität der syrischen Christen gegenüber Assad ist, sei schwer zu sagen. Das mache sie aber zu Angriffszielen der Oppositionellen.

Einige prominente Mitglieder der Assad-Familie glauben offensichtlich nicht mehr an ein Überleben des Regimes. Wie die Nachrichtenagentur dpa in Istanbul aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, sollen Assads Onkel Mohammed Machluf und dessen Söhne versucht haben, Kontakte im Ausland zu knüpfen. Sie suchten Schutz, falls Assad untergehen sollte.

In Berlin erarbeitet eine Gruppe syrischer Oppositioneller Zeitungsberichten zufolge seit Monaten Konzepte, wie es in Syrien nach einem Sturz Assads weitergehen könnte. Wie die «Süddeutsche Zeitung» (Mittwoch) und die Wochenzeitung «Die Zeit» berichten, wird das Projekt mit dem Namen «Day After» von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Partnerschaft mit dem US-amerikanischen United States Institute of Peace (USIP) organisiert.

Auch die Außenministerien beider Länder unterstützten das bislang geheime Projekt. Unter den insgesamt 50 Oppositionellen seien Ex-Generäle, Wirtschafts- und Justizexperten sowie Vertreter aller Volksgruppen und Konfessionen, darunter Muslimbrüder wie säkulare Nationalisten, Männer wie Frauen.