London (SID) - Ole Bischof war auf der Flucht. Bloß weg vom holländischen Quartier, weg von Guillaume Elmont, lautete der Plan des Olympiasiegers von Peking für die ersten Tage im Athletendorf. "Unter uns Judoka heißt es: Den Kontrahenten, den man zuerst sieht, erwischt man bei der Auslosung", erzählt Bischof. Der fürchtet zwar gemeinhin niemanden, Elmont musste es aber dann doch nicht sein. Zu oft schon hat der Niederländer den Reutlinger geärgert, besonders beim frühen WM-Aus 2010.

Das Versteckspiel hatte ein Happy-End: Die Auslosung bescherte Bischof den Italiener Antonio Ciano, diesen schlug er schon im Februar im Finale des Grand Slam von Paris. Seinen ersten Einsatz in der Klasse bis 81 kg hat er am Dienstag (ab 9.30 Uhr Ortszeit/10.30 Uhr MESZ).

Im entscheidenden Duell zu siegen, wieder ganz oben zu stehen, das treibt Bischof seit vier Jahren an. "Ich bin richtig heiß. Es war so ein schönes Gefühl, Olympiasieger zu werden und zu sein, ich möchte es einfach noch einmal probieren", sagt der 32-Jährige.

Bei der Ankunft im Athletendorf war für Bischof die olympische Stimmung greifbar: "Von unserem Apartment hat man eine Wahnsinnsaussicht. Direkt aufs Olympiastadion. Ein Riesengefühl." Jenes Gefühl, das Bischof 2008 intensiv erlebte. Nach dem Finalcoup gegen Kim Jae-bum aus Südkorea, der auch in London zu den schärfsten Kontrahenten gehört, trug er seinen Trainer Frank Wieneke auf den Schultern durch die Halle.

"Das sind so kleine Momente, die einem bleiben", sagt Bischof, der nun antritt, Geschichte zu schreiben: Das olympische Doppel gelang noch keinem deutschen Judoka. Am nächsten kam dem Bischofs Ex-Coach Wieneke: Gold in Los Angeles 1984, Silber in Seoul 1988. Wieneke traut seinem früheren Schützling den Coup zu. "Ole hat einen außergewöhnlichen Charakter und eine unbändige Willensstärke. Er ist bereit, Großes zu leisten", glaubt der 50-Jährige.

Bischof selbst spürt keinen Erfolgsdruck, sieht ihn aber bei anderen: "Ich bin Olympiasieger, tief kann ich gar nicht fallen, denn das bleibt mir natürlich. Ich hab schon die härtesten Jungs gesehen, gerade bei Olympia, die alle fünf Minuten auf die Toilette rennen. Ich aber bin nochmals gereift."

Gereift, nicht gealtert. "Ein Kämpfer ist zu alt, wenn er keine Lust mehr hat zu kämpfen", sagt Bischof. Nach London kam er in Topform, vielleicht in der Form seines Lebens. Nach vielen Verletzungen ist er "bis auf die für Kampfsport typischen Wehwehchen" schmerzfrei, er gewann im Olympiajahr in Düsseldorf und Paris. "Ob es nochmal für den ganz großen Wurf reicht, weiß ich nicht - aber ich gebe alles dafür", sagt Bischof.

London könnte sein letztes großes Hurra werden, zumindest auf die olympische Bühne wird er nicht mehr zurückkehren: "2016 die Spiele in Rio, das ist zu weit. Noch vier Jahre dranhängen werde ich nicht." Das unvergleichliche Gold-Gefühl wird er noch einmal am Dienstag erleben - oder nie mehr.