London (SID) - London (SID) Ein zweiter Teil ist selten so gut wie das Original. Ob Remake, Fortsetzung oder Coversong - oft verkommt der Versuch, eine Erfolgsgeschichte neu aufleben zu lassen, zum müden Abklatsch. Die Neuauflage des Wimbledon-Endspiels zwischen Andy Murray und Roger Federer hat jedoch das Potenzial, mindestens genauso groß zu werden wie das Finale der 126. "Championships". Auf dem heiligen Rasen geht es am Sonntag (15.00 Uhr MESZ) immerhin um Gold.

"Im Sport ist eine Goldmedaille der Gipfel - keine Frage", sagte Murray nachdem er sein Halbfinale gegen den Serben Novak Djokovic vor 15.000 begeisterten britischen Tennisfans 7:5, 7:5 gewonnen hatte: "Jeder weiß, was der Olympiasieg bedeutet."

Vor vier Wochen hatte der Schotte die Gelegenheit verpasst, britische Sportgeschichte zu schreiben. Er hatte zwar den Finalfluch im All England Club gebrochen und war als erster Brite seit Bunny Austin 1938 ins Finale des wichtigsten Tennisturniers der Welt eingezogen, verlor es allerdings in vier Sätzen gegen Federer. Tränen liefen ihm, seiner Mutter Judy und seiner Freundin Kim während der emotionalen Siegerehrung über die Wangen, und eine ganze Nation weinte mit ihrem Helden.

Der Sportsommer 2012 will es nun so, dass die Chance zur Revanche, erneut im Tennis-Mekka Wimbledon, schneller als erhofft kommt. Und trotz der jüngsten Niederlage ist Murray diesmal nicht nur Außenseiter. "Auf eines hoffe ich am Sonntag", sagte der 25-Jährige: "Roger hat noch nie um eine Goldmedaille im Einzel gespielt. Bisher kannte er die Situationen stets besser, wenn wir gegeneinander gespielt haben. Er hatte immer viel mehr Erfahrung."

Das Duell auf dem ramponierten Rasen startet tatsächlich unter anderen Vorzeichen, auch wenn es wieder über drei Gewinnsätze gehen wird. Murray muss diesmal die unermässliche Erwartungshaltung seiner Landsleute nicht alleine schultern. "Ich kann den Fernseher anmachen und höre niemanden über mich reden", sagte Murray und es klang wirklich erleichtert: "In Wimbledon bin ich dagegen ganz alleine im Fokus."

Reflexartig kommen dann die Vergleiche mit dem letzten britischen Wimbledon-Champion Fred Perry und dem ewigen Halbfinal-Versager Tim Henman, bei Siegen ist Murray die Hoffnung des Königreichs, bei Niederlagen wird ihm seine schottische Herkunft vorgehalten. Nun kann er Gold für Großbritannien gewinnen. Die Zuschauer auf dem Centre Court werden ihn nach vorne schreien und sich wohl kaum an die gediegenen Tennis-Konventionen halten.

Auch das wird eine neue Erfahrung für Roger Federer sein. Der Gentleman bekommt seinen Applaus, egal, wo er aufschlägt. Selbst im Wimbledonfinale freuten sich die Briten mit dem sympathischen Schweizer über seinen siebten Titel. Federer geht mit der Hypothek des längsten Matches über zwei Gewinnsätze in der Open Era (seit 1968) ins Endspiel. 4:6, 7:6 (7:5), 19:17 rang er Juan Martin Del Potro (Argentinien) nach 4:26 Stunden nieder.

Mit seinem ersten Einzelgold könnte der 30-Jährige seine einmalige Karriere krönen und als vierter Spieler nach Steffi Graf, Andre Agassi und Rafael Nadal neben allen Grand-Slam-Turnieren auch die olympische Goldmedaille gewinnen. "Die Emotionen werden extrem sein, egal, wer gewinnt", sagt Federer. Vielleicht sogar größer als noch vor vier Wochen.