New York (dpa) - Der deutsche Elektrokonzern Siemens bekommt die Schuldenkrise zu spüren. Vor allem in Europa bleiben die Aufträge aus. Andere Weltregionen halten sich besser. Das gilt auch für die USA.

Finanzchef Joe Kaeser erläutert im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, wie Siemens von seiner globalen Aufstellung profitiert, warum die Amerikaner in Krisenzeiten Vorteile gegenüber den Europäern haben und warum er die Mitarbeiter in der fränkischen Siemens-Hochburg Erlangen schätzt.

Herr Kaeser, Sie sind geschäftlich in den USA. Warum ist das Land so wichtig für Siemens?

Kaeser: «In den Vereinigten Staaten machen wir den meisten Umsatz von allen Ländern, etwa 20 Milliarden Dollar pro Jahr. Damit sind die USA als Absatzmarkt größer als Deutschland. Rund 60 000 Menschen arbeiten hier für uns. Die USA sind die größte Volkswirtschaft der Welt, und das werden sie auch in absehbarer Zeit bleiben.»

Welche Geschäfte laufen in den USA besonders gut?

Kaeser: «Die Geschäfte mit der Industrie, aber auch die Medizintechnik. Wir sind stark bei bildgebenden Verfahren wie der Kernspintomographie. Die Diagnostik entwickelt sich ebenfalls gut, genauso wie die Gebäudetechnik. Auch die Energietechnik ist traditionell stark in den USA. Wir glauben, dass hier die beste Zeit noch vor uns liegt.»

Warum diese Zuversicht?

Kaeser: «Wir sind der Überzeugung, dass die USA wegen der großen Vorkommen von Schiefergas vor einer industriellen Renaissance stehen. Es könnte allerdings noch etwas dauern, bis wir den Aufschwung auch in Aufträgen spüren. Wir gehen davon aus, dass 2015/16 die Nachfrage steigen wird, vor allem nach unseren Gasturbinen.»

In Europa sind ihre Aufträge im vergangenen Quartal um 36 Prozent eingebrochen, in den USA nicht mal halb so stark. Woran liegt es, dass die US-Wirtschaft besser mit der Krise klarkommt?

Kaeser: «Die Vereinigten Staaten von Amerika, die gibt es wirklich. Die Vereinigten Staaten von Europa, die müssen sich noch finden. Die USA sind zwar im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt höher verschuldet als die 17 Eurostaaten zusammengenommen. Insofern wäre Amerika eigentlich schlechter dran. Aber das Land verfügt über alle Möglichkeiten einer fiskalpolitischen Union, die es auch sehr effektiv einsetzt. In Europa passiert das so nicht.»

Siemens kommt also seine internationale Aufstellung in der Schuldenkrise zugute?

Kaeser: «Europa ist für Siemens keine Schicksalsfrage mehr. Wir agieren schon lange global und sind in vielen Volkswirtschaften etabliert. Wir rennen nicht bloß Trends hinterher. Im Zweifelsfall sind wir schon 100 Jahre in einem Land, bevor irgendeine Investmentbank mal wieder eine Boomregion ausmacht.»

Was bedeutet das konkret?

Kaeser: «Wir können jederzeit unsere Ressourcen umschichten. Wenn es Bedarf in China oder Indonesien gibt, sind wir zur Stelle. Wenn es Bedarf in Deutschland gibt, sind wir ebenfalls zur Stelle.»

Aber die Entscheidungen werden ja vielfach noch von Deutschen in Deutschland getroffen. Oder nicht?

Kaeser: «In unserem Vorstand arbeiten Menschen aus vier Nationen zusammen. Aber natürlich gibt es in einem Unternehmen mit deutschen Wurzeln noch viele Deutsche, die an den Schaltstellen sitzen. Doch wenn sie mal in deren Lebensläufe schauen, werden sie feststellen, die waren schon in Asien, in den USA oder in Lateinamerika. Man sollte die Staatsbürgerschaft nicht mehr in den Vordergrund stellen. Die Menschen sind kosmopolitisch. Sie haben in Deutschland ein Haus, aber sie leben auf der ganzen Welt.»

Wie sieht es denn mit ausländischen Führungskräften aus?

Kaeser: «Wenn sie sich unsere Tochtergesellschaften ansehen in wichtigen Märkten wie China, den USA oder in Brasilien - wir haben fast überall einheimische Landeschefs. In England haben wir einen Schweden. Da hat sich viel verändert. Von der Internationalität von Siemens könnte sich so mancher Wettbewerber noch was abschauen. Ich weiß nicht, wie viele Nicht-Amerikaner etwa im Verwaltungsrat von General Electric sitzen.»

In Erlangen, so sagt man, schlage das industrielle Herz von Siemens. Wie kommt der Franke mit dem Rest der Welt klar?

Kaeser: «Wenn es einen Franken als solchen gibt, dann zeichnet er sich durch einen hohen Grad an Loyalität zum Unternehmen und durch Fleiß aus. Wenn es um diese Merkmale geht, dann würde ich mir wünschen, dass die Franken überall auf der Welt sind.»

Ist es überhaupt nicht mehr wichtig, wo die Wurzeln eines Unternehmens liegen?

Kaeser: «Klar, es ist wie im Sport: Wenn man Zuhause spielt, hat man einen gewissen Vorteil. Am Ende des Tages verkaufen aber Profis an Profis und es geht um die Leistungsfähigkeit der Produkte. Wir werden in Washington sehr freundlich behandelt, denken Sie nur an den Besuch von Präsident Barack Obama in unserer Rotorblatt-Fertigung in Fort Madison vor zwei Jahren.»

Ihr großer US-Rivale General Electric klang zuletzt deutlich zuversichtlicher als Siemens. Während Siemens an der Gewinnprognose wackelt, hat GE sie bestätigt. Woran liegt das?

Kaeser: «Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zwischen GE und uns: Zum einen entwickeln und bauen wir keine Flugzeugturbinen, wo gerade ein hoher Bedarf besteht, weil die Fluggesellschaften ihre Flotten erneuern. Zum anderen besitzt General Electric mit GE Capital eine Bankmaschine, die hohe Gewinne abwirft.

Siemens besitzt ja auch eine Banklizenz. Gibt es Pläne, das Finanzgeschäft auszubauen?

Kaeser: «Wir haben unser Finanzgeschäft bereits von 10 Milliarden auf 18 Milliarden Euro ausgebaut innerhalb von zwei Jahren. Das ist ja immerhin eine Steigerung von 80 Prozent. Man darf auch nicht zu schnell zu viel machen. Trotz aller attraktiver Möglichkeiten im Finanzsektor ist natürlich auch das Risiko hoch - höher als im Industriegeschäft, was sich bei General Electric in der Finanzkrise 2008 gezeigt hatte. Wir haben uns schneller wieder erholt.»

Geschäftsbericht Siemens Q3