London (SID) - London (SID) Es ist nur ein paar Tage her, da erweckte Robert Harting den Eindruck eines innerlich zerrissenen Menschen. Vor dem Beginn seines Wettkampfs am Montag scheint der Favorit auf Gold im Diskuswerfen sein Gefühlsleben aber rechtzeitig wieder in die Balance gebracht zu haben. "Die letzten Tage", berichtete Harting nach seiner Ankunft in London im Gespräch mit dem SID, "liefen nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut."

Was sich irritierend anhört, ist für Harting, den zweimaligen Weltmeister und amtierenden Europameister, keinesfalls beunruhigend. "Das ist genau die richtige Mischung mit Blick auf das Finale am Dienstag", sagt der Berliner. Seine Erklärung für den scheinbaren Widerspruch: "Wenn es vorher zu gut läuft, ist man zu entspannt. Und wenn es schlecht läuft, zweifelt man." Am Montag muss er zunächst in die Qualifikation.

In London landete wohl wieder der "alte" Harting, nicht der von Ängsten und Zweifeln geplagte Athlet, der sich in einigen Interviews zu aufgeknöpft gegeben hatte. "Manchmal könnte ich die ganze Scheiße hinwerfen", stand da zu lesen, oder: "Ich brauche den Olympiasieg, um die negativen Sachen aus meinem Leben zu spülen, um mich selber zu ertragen." Krass war die laut Harting nicht autorisierte Aussage, es habe Zeiten gegeben, "da bin ich durch den Park gelaufen und habe gedacht, alle Leute wollen auf mich schießen".

Vergessen. Schwamm drüber. Der sensible Mann im harten Muskelpanzer ist nur noch auf Dienstagabend (19.45 Uhr OZ/20.45 MEZ) ausgerichtet, auf das Finale. Vier Jahre nach dem vierten Rang von Peking gibt Harting zu: "Die Anspannung ist größer als vor einer WM, weil die Medaille einfach mehr wert ist." Doch sonst hat er die Selbstzweifel in die Kiste gepackt.

Harting räumt ein, dass er sich gern selbst inszeniert. Der 27-Jährige ist generell ein kluger Kopf. Er hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Berliner Universität der Künste studiert, bezeichnet sich als Unternehmer und weiß, wie man "als unterbezahlter Athlet" durch die eine oder andere Schlagzeile an Sponsoren kommen kann.

Nun sitzt der Hüne mit dem kunstvoll rasierten Bart ("meine Kriegsbemalung") auf dem Londoner Flughafen Heathrow lässig auf einer Bank und lässt wissen, in ihm habe sofort eine Warnleuchte geblinkt, als Weltmeister David Storl im Kugelstoß-Finale gegen den Polen Tomasz Majewski verlor: "Wenn Majewski gut drauf ist, dann gibt es immer Parallelen zu Piotr Malachowski. Dann muss man mit dem Schlimmsten rechnen."

Der Pole Malachowksi hatte Harting 2010 bei der EM in Barcelona auf den zweiten Rang verwiesen, doch rein sportlich gesehen stehen die Zeichen auf Gold für Harting: Seit Saisonende 2010 hat er alle 28 Diskus-Wettkämpfe gewonnen - zuletzt mit gespielter Langeweile auch bei der EM in Helsinki. Für London scheint er bereit. Jetzt muss Harting nur noch seine Gefühle im Gleichgewicht halten.