London (SID) - Timo Boll spielte wieder Weltklasse-Tischtennis, er bezwang den Olympiasieger, er lachte befreit. Doch seine Gala-Vorstellung konnte er nur eingeschränkt genießen. "Das war zwar meine olympische Auferstehung, aber leider auch unser Untergang", sagte der Rekord-Europameister. Denn seine überragende Leistung gegen den Chinesen Zhang Jike im Halbfinale des Mannschaftswettbewerbs hatte nichts genutzt: Am Ende hieß es 1:3.

Wieder einmal war das Rütteln am Thron nicht heftig genug für den erhofften Favoritensturz und den historischen ersten Sieg im 22. Pflichtspiel gegen den Rekordweltmeister. Es bleibt die Chance auf Bronze im kleinen Finale am Mittwochmittag (11.00/12.00) gegen Hongkong. "Das ist jetzt unser Finale", sagte Boll kämpferisch: "Egal, wer jetzt kommt, wir werden sie auffressen."

Die Chinesen waren wie erwartet ein zäher Brocken. Kleiner Trost: Die Sensation war zumindest in Sichtweite. Bevor Boll den Weltmeister überraschend klar mit 3:1 in die Knie zwang, hatte Dimitrij Ovtcharov gegen den Weltranglistenzweiten Ma Long beim Stand von 1:1 mit 9:7 geführt, nach folgenschweren Fehlern aber nicht mehr zurück ins Spiel gefunden. Der Youngster, der mit Bronze im Einzel für Furore gesorgt hatte, haderte mit diesem Knackpunkt. "Wir hatten unsere Chancen. Ich hätte dieses Spiel gewinnen können", sagte der 23-Jährige traurig.

Bundestrainer Jörg Roßkopf zog dennoch ein positives Fazit: "Wir wussten, dass es schwer werden würde, und mit der Leistung bin ich sehr zufrieden." Für Boll, der im Einzel als Mitfavorit im Achtelfinale gescheitert war, hatte der 43-Jährige ein Sonderlob parat: "Er hat ein sensationelles Match gespielt. Ich bin froh, dass er aus seinem Loch herausgekommen ist."

Vor den Augen des Bundesverteidigungsministers Thomas de Maizière ging Boll zum Angriff über. Der Weltranglistensiebte gab gegen Zhang, die Nummer eins der Welt, nur den ersten Satz ab. "Timo, Timo!" schallte es durch die ExCeL-Arena, und der 31-Jährige zeigte mit dem beeindruckenden 3:1-Erfolg, dass er in London noch eine Rechnung zu begleichen hatte.

Im Doppel mit dem deutschen Meister Bastian Steger (Saarbrücken) hielt der Düsseldorfer zwar anfangs mit, das weitaus eingespieltere Duo Zhang und Wang Hao, Olympiazweiter im Einzel, behielt aber mit 3:1 die Oberhand. Steger wehrte sich im vierten Spiel nach Kräften gegen Ma Long, musste sich aber 0:3 geschlagen geben.

Das deutsche Trio hatte nach dem souveränen 3:0 im Viertelfinale gegen Österreich als letzte europäische Mannschaft im Turnier auf lautstarke Unterstützung des Londoner Publikums gehofft. "Ich glaube, selbst die chinesischen Fans langweilt es, dass ihre Spieler alles abräumen. Sie wünschen sich ein enges Match. Dafür brauchen wir ein bisschen Unterstützung - vielleicht haben wir ja sogar die ganze Welt auf unserer Seite", sagte Boll lachend.

Doch auch die unermüdlichen "Deutschland, Deutschland"-Rufe von den Rängen halfen am Ende nicht gegen die chinesische Übermacht.