London (SID) - Das Ungetüm wog 258 kg. Verbissen und wild entschlossen starrte Matthias Steiner auf das scheinbar unbezwingbare Hindernis und sagte ihm innerlich den Kampf an. Ein Duell Mann gegen Hantel - das Steiner im Gewichtheber-Finale von Peking 2008 sensationell gewann. Es folgten ein fast schon legendärer Gefühlsausbruch und der emotionale Höhepunkt bei der Siegerehrung, als er das Foto seiner im Jahr zuvor tödlich verunglückten Frau in die Kameras hielt und es küsste. Die Geburt des "Goldjungen".

Eine Rolle, die bei Olympia in London längst nicht mehr zu Steiner passt. "Natürlich bleiben die Erinnerungen von Peking für immer in meinem Kopf, die verdänge ich auf keinen Fall. Ich rufe mir das dann auf, wenn es darum geht, motiviert zu sein", sagt Steiner und steht plötzlich auf. Hektisch eilt er zu einer offen stehenden Tür in einem Café im Olympischen Dorf und schließt sie. "Ich will mir nichts einfangen", sagt Steiner und setzt sich wieder.

Der 29-Jährige ist vorsichtig geworden, selbst einem frischen Windzug geht der einst vor Selbstvertrauen strotzende 145-Kilo-Koloss aus dem Weg. Zu lang ist die Krankenakte der vergangenen Monate, zu hart war der Kampf zurück nach sieben Monaten Verletzungspause, als dass Steiner kurz vor dem Ziel auch nur das geringte Risiko eingehen würde. "Der Kerl hat sich wirklich geplagt", sagt Bundestrainer Frank Mantek, der Steiner 2008 als erster Gratulant in die Arme gefallen war. Wie zwei überproportionierte Flummis waren die beiden Schwergewichte durch die Halle gehüpft. Ein Bild für die Ewigkeit. Und längst Geschichte.

Steiner hat sich verändert. Aus dem Chemnitzer No-Name ist ein medial präsenter Star einer Randsportart geworden. Keine Talk-Show wollte sich nach seinem Gold-Triumph den Makel leisten, ihn nicht einzuladen. Ein Gewichtheber zur besten Sendezeit, zuvor nicht vorstellbar. Nur die sportlichen Erfolge - mit Ausnahme der Vize-Weltmeisterschaft 2010 - blieben größtenteils aus. Auch, weil ihn immer wieder Verletzungen zurückwarfen.
   "Für mich war klar, dass es mit einem Einriss in der Sehne vorbei ist", sagte Steiner, der im September 2011 eine Verletzung am linken Knie erlitten hatte. Es war der sportliche Tiefpunkt, der schwärzeste Moment seiner Karriere: "Ich habe dann mit meinem Arzt gesprochen, und er hat gesagt, dass es für London knapp reichen könnte. Alleine diese Tatsache hat mir ausgereicht." Steiner quälte sich. Wochenlang ging er an Krücken, hatte Schmerzen, Stunde um Stunde verbrachte er in der Reha, stets die Olympischen Spiele vor Augen.

Am Dienstag ( 19.00 Uhr OZ/20.00 Uhr MESZ) endet dieser Leidensweg in London, wenn die "schweren Jungs" zum Abschluss der Gewichtheber-Wettbewerbe antreten. Bei 424 kg steht Steiners Jahresbestleistung, aufgestellt bei der EM in Antalya, als er Silber gewann. Das sind 37 kg weniger als in Peking. "Natürlich ist der Olympiasieg da, die Leuten rechnen mit mir und haben mich auf dem Schirm. Aber bei meiner Vorgeschichte kann sich glaube ich jeder ausmalen, dass ich nicht in der Verfassung von damals bin", sagt Steiner, der das Feld von "unten angreifen" will.

Er sei zwar im Stande, gewisse Leistungen abzurufen, "aber nur unter bestimmten Voraussetzungen". Die große Bühne ist es, die er braucht. Momente, in denen es um alles geht. In denen ist Steiner stets über sich hinausgewachsen. So wie 2008 in Peking, als er das 258-kg-Ungetüm bezwang.