London (SID) - Betty Heidler steht mit dem Hammer vor der großen Nagelprobe: Halten endlich auch bei Olympia die Nerven der einzigen deutschen Leichtathletik-Weltrekordlerin - oder scheitert sie zum vierten Mal bei einem großen Medaillenwettstreit vor allem an sich selbst? Dies ist die große Frage vor dem Olympiafinale am Freitag (19.35 Uhr OZ/20.35 MESZ) in London.

Bei der EM Ende Juni in Helsinki hatte die gebürtige Berlinerin im Trikot der LG Frankfurt ihr Desaster erlebt - wie auch schon 2005 an selber Stelle: Drei ungültige Versuche in der WM-Qualifikation brachten das jähe Aus. Auch bei Olympia 2008 in Peking hatte die Jura-Studentin böse danebengehauen, als sie nach zwei ungültigen Versuchen mit 70,06 m nur Neunte wurde. Und bei der WM 2011 wirkte die hohe Favoritin wenige Wochen nach dem Weltrekord (79,42) ähnlich gelähmt, bevor sie sich am Ende wenigstens noch auf den Silberrang verbesserte.

"Sie hat die Zusammenarbeit mit der Sportpsychologin Heidi Kugler verstärkt. Ich glaube, das hat was gebracht", sagt Trainer Wolfgang Deyhle, der bei der Ankunft in London zum wiederholten Male auf das bei der Konkurrenz vermutete Doping hingewiesen hatte. Dieses sehe er nicht erst aufgrund von Hinweisen des Doping-Experten Werner Franke vor allem bei der russischen Weltmeisterin Tatjana Lysenko, die nach einer Sperre groß auftrumpfte, und Weißrusslands Peking-Olympiasiegerin Oxana Menkowa. Beide führen in der Weltrangliste 2012: Menkowa liegt mit 78,60 m vor Lysenko (78,51), dann folgt Heidler (78,07).

Doch sportpolitisch fiel Deyhle die nicht zum ersten Mal unverblümt geäußerte, aber erstmals veröffentlichte Kritik auf die Füße: Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) verwahrte sich durch seinen Sportdirektor Thomas Kurschilgen dagegen, dass Anschuldigungen gegen Athleten oder Athletinnen anderer Verbände erhoben werden. Und Deyhle, der aus eigenem Antrieb auf den Verdacht gegen die Konkurrenz hingewiesen hatte, wollte das am Ende alles so nicht gesagt haben.

Vielleicht hätte er vor Jahren schon an anderer Stelle aktiv werden sollen: Angesichts wiederholter nervlicher Probleme der Weltrekordlerin (79,42) wäre psychologische Hilfe längst angesagt gewesen. Doch Betty Heidler räumte in London ein, sie habe bis zu den jüngsten Fehlschlägen auf diesem Gebiet nie ernsthaft etwas unternommen.

Nach der Qualifikation mit 74,44 m, im zweiten Versuch erzielt, gab sich die gebürtige Berlinerin selbstbewusst. Die Probleme von Helsinki seien verarbeitet und vergessen. Deyhle, der dort von ihrer Vorstellung geschockt gewesen war ("Katastrophe, Kindergartenfehler") sagt heute: "Sie war nicht wirklich auf die EM eingestellt, hatte das Training für Olympia zu sehr im Kopf." Am Freitag wird sich zeigen, mit welchem Erfolg.