Washington (dpa) - Der republikanische US-Präsidentenbewerber Mitt Romney hat den wirtschaftsliberalen Kongressabgeordneten Paul Ryan zu seinem Vizekandidaten ernannt.

Der 42 Jahre alte Katholik und Haushaltsexperte solle mit ihm um den Einzug ins Weiße Haus kämpfen, ließ Romney am Samstag in einer E-Mail mitteilen. Die Entscheidung gilt als bislang größte Überraschung im Wahlkampf. Der Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus ist wegen seiner marktradikalen Ideen auch unter Republikanern nicht unumstritten.

Mit der Entscheidung für Ryan als «Running Mate» wird Romney aus Sicht von US-Kommentatoren den Wahlkampf für die Präsidentenwahl am 6. November weiter polarisieren. Demnach wollen sich Romney und Ryan den Wählern in Wirtschafts- und Haushaltsfragen als klare Alternative zu Obama und dessen Vize Joe Biden empfehlen.

Ryan gilt als großer Hoffnungsträger der streng konservativen Parteibasis. Er wird anerkennend auch «Sparminister» genannt. Ryan ist verheiratet und hat drei Kinder. Er sitzt seit 1999 für den Bundesstaat Wisconsin im US-Repräsentantenhaus und wurde sechsmal in Folge im Amt bestätigt.

Als Vorsitzender des Haushaltsausschusses ist er zu einem der einflussreichsten US-Politiker aufgestiegen, der auch Wortgefechten mit Obama nicht aus dem Weg geht. Ryan «arbeitet unermüdlich» für strikte Haushaltsdisziplin sowie radikale Einsparungen und Sozialreformern, wie Romney in seiner E-Mail am Samstag lobend hervorhob.

Der Ex-Gouverneur hofft darauf, dass er mit Hilfe Ryans die Wahl in dessen Heimatstaat Wisconsin gewinnt. Dort lag die Demokratische Partei von Obama vor vier Jahren mit großem Vorsprung vorn.

Romney wollte den Namen seines Vizes am Samstag offiziell an Bord des US-Kriegsschiffes «USS Wisconsin» aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bekanntgeben. Doch schon Stunden vorher erhielten Parteimitglieder und Sympathisanten die Nachricht über eine spezielle «Romney-Applikation» auf ihr Mobiltelefon.

Romney wollte noch am Samstag eine Wahlkampftour per Bus durch vier Bundesstaaten beginnen. North Carolina, Virginia, Florida und Ohio sind von Demokraten wie Republikanern heiß umkämpft.

In den vergangenen Tagen hatte es in den USA immer wieder Spekulationen um die Personalie gegeben. Neben Paul Ryan wurden unter anderem gehandelt: der frühere Gouverneur von Minnesota, Tim Pawlenty, Senator Rob Portman aus Ohio und der Gouverneur von Virginia Bob McDonnell. Auch die Namen von Senator Marco Rubio aus Florida und dem Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, wurden als mögliche Kandidaten ins Spiel gebracht.

Der Auswahl ging eine vier Monate lange Überprüfung der möglichen Bewerber voraus. Die Kandidaten mussten eine Liste mit 80 Fragen beantworten. Sie mussten Auskunft geben über mögliche Steuerdelikte oder Strafmandate. Selbst die Intimsphäre war nicht tabu. Haben Sie Prostituierte aufgesucht oder haben sie Ihren Ehepartner betrogen? lauteten nach US-Medienberichten zwei Fragen.