Berlin (dpa) - Pendeln, ständige Erreichbarkeit und Arbeitseinsatz fast rund um die Uhr - viele Arbeitnehmer glänzen im Job durch volle Flexibilität. Doch die Kehrseite: Mit den Jahren können die Belastungen überhandnehmen.

Psychische Schäden sind nicht selten die Folge. Neue Erkenntnisse dazu werden heute in Berlin vorgestellt. Bereits mehrfach zeigten Studien negative Auswirkungen von Pendeln oder einer weitgehenden Unterordnung des Privaten unter die Anforderungen des Jobs. So wies die Techniker Krankenkasse (TK) im Juni in einem Report nach: Psychische Störungen kommen häufiger bei Menschen vor, die oft ihren Job oder ihren Wohnort wechseln. Nun legt das Wissenschaftliche Institut der AOK eine Studie vor, die die Auswirkungen zunehmender Flexibilität in der Arbeitswelt untersucht.

Bereits der TK-Report zeigte, dass Menschen, die beruflich pendeln oder die umziehen, häufiger wegen psychischer Leiden krankgeschrieben sind. Zielgerichtete Hilfsangebote seien zentral, forderte die Kasse. Wichtig sei etwa, ob ein Wohnortwechsel freiwillig war.

Das Problem dürfte zunehmen - zumindest wenn man offiziellen Statistiken folgt. Denn Pendler nehmen immer längere Wege zur Arbeit in Kauf. Die Distanz von der Haustür bis zum Büro betrug zuletzt im Schnitt 17 Kilometer. Zehn Jahre zuvor waren es noch 14,6 Kilometer. Die jüngsten Zahlen des Bonner Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung stammen zwar aus dem Jahr 2009, doch die Forscher des Instituts gehen nach eigenen Angaben von einer weiter steigenden Tendenz aus.

Überdurchschnittlich weit ist laut dem Institut der Arbeitsweg an den Rändern der großen Ballungszentren wie Hamburg, Frankfurt und Berlin. «Häufig werden im Umland der großen Städte lange Wege in Kauf genommen, weil die Immobilienpreise in den Zentren sehr hoch sind», so die Behörde. Auch in dünn besiedelten Regionen Ostdeutschlands seien Arbeitnehmer mangels Jobs zum Pendeln gezwungen.

Auch Reports der Krankenkasse DAK zeigen: Wachsende Büro-Hektik, ständige Erreichbarkeit, viele Überstunden, die Aussicht auf mangelndes berufliches Fortkommen und undankbare Chefs können für den Einzelnen auf die Dauer verheerende Folgen haben. Psychische Leiden, aber auch Herzinfarkte können so begünstigt werden.

Ähnliche Ergebnisse erzielte eine Befragung von 20 000 Arbeitnehmern unter Beteiligung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin - als belastend nannten die Beschäftigten hohe zeitliche Anforderungen bei der Arbeit, mehrere Aufgaben gleichzeitig, ständig sich wiederholende Vorgänge und Störungen bei der Arbeit.

Die Koalition will im Herbst eine Strategie für mehr Gesundheitsvorbeugung vorlegen. Die Union im Bundestag hatte angekündigt, sich verstärkt um die Beschäftigten mit Burnout kümmern zu wollen. Konkurrenz und Leistungsdruck geben oft den Takt vor, wie der CDU-Gesundheitsexperte Willi Zylajew betont hatte.

Institut der AOK WIdO

TK-Studie zum Thema

Bundesanstalt für Arbeitsschutz zum Thema

DAK-Gesundheitsreport 2012

Studie zu berufsbedingter Mobilität

Bundesinstitut zu Pendeln und Räumen

Link zu Karte mit Pendlerbewegungen

Depression bei Schülern

Bahr-Pläne für Gesundheitsvorsorge

Psychische Leiden - Dimension in Europa