Damaskus/Genf (dpa) - Das Rote Kreuz unterstützt Forderungen nach Kampfpausen zur Versorgung der notleidenden Bevölkerung in Syrien.

Die Gefechte zwischen Regierungstruppen und Aufständischen hätten sich derart intensiviert, dass in vielen Teilen des Landes Hilfe nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt geleistet werden könne. Zugleich heizt der Bürgerkrieg in Syrien zunehmend auch den Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern von Machthaber Baschar al-Assad im Nachbarland Libanon an.

Nach jüngsten Angaben von EU und Vereinten Nationen benötigen mindestens 2,5 Millionen Menschen in Syrien dringend Hilfe, mindestens 1,2 Millionen sind Vertriebene im eigenen Land, Zehntausende sind in Nachbarländer geflohen.

Regimegegner zählten allein bis zum Mittag schon 55 Tote in Syrien, darunter zehn Männer, deren Leichen im Damaszener Stadtviertel Kafr Susa gefunden wurden. Die Männer seien nicht im Kampf gefallen, sondern in Gefangenschaft getötet worden, hieß es. Die Gefechte zwischen syrischer Armee und Revolutionsbrigaden konzentrierten sich auf die Großstädte Damaskus und Aleppo.

Nach Einschätzung von Amnesty International wird der Konflikt in Syrien zunehmend auf dem Rücken von Zivilisten ausgetragen. Insbesondere die Tatsache, dass die Regierungstruppen im Kampf gegen Rebellen in der Stadt Aleppo vermehrt Luftwaffe und Artillerie einsetzten, führe zu großen Risiken für die Zivilbevölkerung.

Hicham Hassan vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf sagte der Nachrichtenagentur dpa, seit nahezu vier Wochen seien die Teams nicht mehr in der Lage, bestimmte Gebiete zu erreichen, darunter in Aleppo und Homs. Der Syrische Rote Halbmond, dessen freiwillige Helfer vom IKRK ausgestattet werden, habe seine Operationen in vielen Teilen des Landes einstellen oder stark einschränken müssen. Dennoch versuchten Freiwillige immer wieder, Notleidende zu erreichen und zu versorgen.

«Humanitäre Hilfe muss die Menschen so schnell wie irgend möglich erreichen», sagte Hassan. Kampfpausen, wie sie die UN und die EU fordern, seien dafür sehr wichtig. «Die Notwendigkeit humanitärer Hilfe ist heute größer denn je.»

Auch nach dem Eingreifen der Armee setzen verfeindete Clans in der libanesischen Stadt Tripoli ihre Kämpfe fort. Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen den in benachbarten Vierteln lebenden Sunniten und Alawiten erhielt zuletzt durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien neue Nahrung. Die Sunniten sympathisieren mit den syrischen Revolutionären. Die Alawiten unterstützen den alawitischen Präsidenten Al-Assad.

Die staatliche Nachrichtenagentur NNA meldete am Donnerstag, zwei Granaten hätten am Morgen einen Markt in Tripoli getroffen. Am Mittwoch waren dort zwei Menschen ums Leben gekommen.

Keine offizielle Bestätigung gab es zunächst für Berichte, wonach vier Zivilisten aus dem libanesischen Dorf Arsal ums Leben gekommen sein sollen, als die syrische Luftwaffe Ziele an der Grenze bombardierte. Nach Angaben der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana kämpften die Regierungstruppen auf der syrischen Seite der Grenze in dem Dorf Dschusija gegen «bewaffnete Terrorgruppen». Die «Terroristen» hätten in dem Gefecht große Verluste erlitten. Drei der Getöteten seien identifiziert worden.

Doch mitten im Bürgerkrieg gibt es auch ganz andere Initiativen. Die Bewohner eines Vorortes von Damaskus stemmen sich mit aller Macht gegen ein Übergreifen des Bürgerkrieges auf ihr Stadtviertel. In einer Erklärung, die in dem rund 300 000 Einwohner zählenden Stadtteil Dscharamana in der Nacht zum Donnerstag verbreitet wurde, heißt es: «Alle mit Bewaffneten besetzten Straßensperren der sogenannten Volkskomitees im Viertel und an den Ausfallstraßen sollen verschwinden. Die derzeit laufende Bewaffnung der Bewohner des Viertels soll gestoppt werden.» Ziel sei ein friedliches Zusammenleben in guter Nachbarschaft.

Anders als in anderen Vierteln der syrischen Hauptstadt, in denen entweder vorwiegend Sunniten, Alawiten oder Christen leben, wohnen in Dscharamana Angehörige verschiedener Konfessionen. Die größte Gruppe bilden die Drusen. Doch es gibt auch Angehörige der verschiedenen Ostkirchen, außerdem einige irakische Flüchtlinge, Palästinenser, Ismailiten, Alawiten und Armenier.

Das Rückgrat des Aufstandes gegen das Regime des alawitischen Präsidenten bildet die Bevölkerungsmehrheit der sunnitischen Araber. Das Regime stützt sich bei der Unterdrückung des Aufstandes vor allem auf alawitische Offiziere. Einige wenige Alawiten stehen jedoch aufseiten der Revolutionäre.

Die USA und die Türkei wollen ihr Vorgehen im Syrien-Konflikt koordinieren. Experten beider Länder sollten noch am Donnerstag in Ankara mit Gesprächen in einer Arbeitsgruppe beginnen, die beim Besuch von US-Außenministerium Hillary Clinton vor knapp zwei Wochen vereinbart worden war, bestätigte das türkische Außenministerium. Die Türkei hatte die Einrichtung einer Schutzzone auf syrischer Seite der Grenze gefordert, um vertriebene Syrer im eigenen Land zu versorgen.

Bericht Amnesty

EU-Kommission zu Syrien-Hilfe

NNA zu Kämpfen in Tripoli, arabisch

IKRK in Syrien

Videoaufnahme der Gefangenen