Damaskus/Istanbul (dpa) - Der Syrien-Konflikt weitet sich bedrohlich auf die Nachbarstaaten aus. Zugleich wird die Not der Menschen in den Bürgerkriegsgebieten immer größer.

Das Rote Kreuz forderte Kampfpausen zur Versorgung der notleidenden Bevölkerung. Nach Angaben von EU und Vereinten Nationen benötigen mindestens 2,5 Millionen Syrer dringend humanitäre Hilfe.

Am Donnerstag drang erstmals seit Beginn der Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den Revolutionsbrigaden ein Flugzeug der syrischen Luftwaffe in den irakischen Luftraum ein. An der Grenze zum Libanon starben nach inoffiziellen Berichten vier libanesische Zivilisten. In Ankara wollte eine türkisch-amerikanische Arbeitsgruppe das Vorgehen beider Staaten im Syrien-Konflikt abstimmen.

Aus Militärkreisen in der irakischen Anbar-Provinz hieß es, das syrische Flugzeug habe sich nahe dem geschlossenen Grenzübergang Al-Kaim vier Minuten lang über irakischem Territorium aufgehalten. Der Pilot habe vermutlich Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) in dem syrischen Grenzort Al-Bukamal im Visier gehabt. Die syrischen Revolutionsgruppen berichteten von Luftangriffen mit MIG-21-Flugzeugen in dem Gebiet.

Hunderte Zivilisten steckten in Al-Bukamal an der Grenze fest, meldeten irakische Medien. Die irakischen Sicherheitskräfte hatten den Grenzübergang Al-Kaim am Vortag mit Betonsperren blockiert. Diese Maßnahme war mit der Präsenz der FSA auf der syrischen Seite der Grenze begründet worden.

Die Gegner des Regimes von Präsident Baschar al-Assad zählten bis zum Nachmittag 90 Tote in Syrien, darunter zehn Männer, deren Leichen im Damaszener Stadtviertel Kafr Susa gefunden wurden. Die Männer seien nicht im Kampf gefallen, sondern in Gefangenschaft getötet worden, hieß es. Die heftigsten Kämpfe zwischen der syrischen Armee und den Revolutionsbrigaden wurden aus den Großstädten Damaskus und Aleppo gemeldet sowie aus den Proinzen Idlib und Deir as-Saur.

Hicham Hassan vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf sagte der Nachrichtenagentur dpa, seit nahezu vier Wochen seien die Helfer nicht mehr in der Lage, bestimmte Gebiete zu erreichen, etwa in Aleppo und Homs. Der Syrische Rote Halbmond, dessen Helfer vom IKRK ausgestattet werden, habe seine Operationen in vielen Teilen des Landes einstellen oder stark einschränken müssen.

Dennoch versuchten Freiwillige weiter, zu den Notleidenden zu gelangen, so Hassan. «Humanitäre Hilfe muss die Menschen so schnell wie irgend möglich erreichen.» Kampfpausen, wie sie die UN und die EU fordern, seien dafür sehr wichtig.

Auch nach dem Eingreifen der Armee setzten verfeindete Clans in der libanesischen Stadt Tripoli am Donnerstag ihre Kämpfe fort. Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen den in benachbarten Vierteln lebenden Sunniten und Alawiten erhielt zuletzt durch den Bürgerkrieg in Syrien neue Nahrung. Die Sunniten sympathisieren mit den syrischen Revolutionären. Die Alawiten unterstützen den alawitischen Präsidenten Assad.

Doch mitten im Bürgerkrieg gibt es auch ganz andere Initiativen. Die Bewohner eines Vorortes von Damaskus stemmen sich gegen ein Übergreifen des Bürgerkrieges auf ihr Viertel. In einer Erklärung, die in dem rund 300 000 Einwohner zählenden Stadtteil Dscharamana in der Nacht zum Donnerstag verbreitet wurde, heißt es, die Bewaffnung der Bewohner des Viertels solle gestoppt werden. In Dscharamana leben Angehörige verschiedener Konfessionen, hauptsächlich Drusen, aber auch Angehörige der Ostkirchen, außerdem irakische Flüchtlinge, Palästinenser, Ismailiten, Alawiten und Armenier.

EU-Kommission zu Syrien-Hilfe

NNA zu Kämpfen in Tripoli, arabisch

IKRK in Syrien

Videoaufnahme der Gefangenen